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Die Anatomie als Atelier: HBK-Meisterschüler Mathias Aant’Heck
Wie hält man Leben nach dem Tod fest?

Mit einer Rasterschablone nimmt Mathias Aan’t Heck Maß: Über seine Zeichnung auf der Staffelei hat er aus Stofffäden ein identisches Raster gespannt.
Mit einer Rasterschablone nimmt Mathias Aan’t Heck Maß: Über seine Zeichnung auf der Staffelei hat er aus Stofffäden ein identisches Raster gespannt. FOTO: Oliver Dietze
Homburg. Der Künstler Mathias Aan’t Heck, Absolvent der Saarbrücker Kunsthochschule zeichnet seit 18 Monaten in der Homburger Anatomie Tote. Von Christoph Schreiner

In einem grünen Chirurgenkittel empfängt einen Mathias Aan’t Heck vor der Homburger Anatomie. „Sind Sie bereit?“, fragt er. Das Tragen von Handschuhen und Kittel sei beim Umgang mit toten Menschen Pflicht. Eine Nüchternheit, die nicht ausbleibt, geht man hier jeden Tag ein und aus. Drinnen im gekachelten Seziersaal (heruntergekühlt auf 14 Grad), wo zehn metallene Seziertische in Reih’ und Glied stehen, auf einem der Leichnam eines etwa 60-Jährigen. Erst lag er sechs Monate in einem speziellen, mit Formalin angereicherten Bad, jetzt hier auf einem der Tische. Verpackt unter zwei, die Austrocknung verhindernden Tüchern, die Aan’t Heck vorsichtig herunterzieht und zusammenfaltet, ehe er mit der Arbeit beginnt.

„Pass gut auf, wenn du die Gliedmaßen deiner Gestalten machst, dass sie mit der Körpergröße in Einklang stehen und mit dem Alter“, schrieb Leonardo da Vinci Ende des 15. Jahrhunderts – Leonardo, der wie kein zweiter Künstler vor und nach ihm anatomische Studien betrieb und selbst etwa 30 Leichen sezierte, um die Funktionsweise jedes Muskels und Organs zu ergründen. Ein gutes halbes Jahrtausend danach gehören anatomische Zeichnungen, anders als an Kunstakademien noch bis ins 19. Jahrhundert üblich, heute nicht mehr zum Rüstzeug künstlerischer Ausbildung. Insofern ist, was Aan’t Heck in der Homburger Anatomie seit 2017 betreibt, die Ausnahme.

Als er 2016 auf die Idee verfiel, Leichen zu porträtieren, schrieb er zunächst Bestatter an. Weil das Totenfürsorgegesetz anatomische Zeichnungen im Dienst der Kunst nicht vorsieht, erhielt er die Erlaubnis zuletzt vom seinerzeitigen Prosektur-Leiter der Anatomie, Kurt Becker – ein kunstsinniger Mensch, der verstand, dass nicht Voyeurismus und die Lust am Tabubruch Aan’t Heck antrieb, sondern gleichermaßen existenzielle wie künstlerische Fragen: Lässt sich der Tod festhalten? „Das Leben, das fehlt“, interessiere ihn, sagt er. „Ein, zwei Tage, nachdem man starb, ist man hier.“ Sofern man eingewilligt hat, seinen Leichnam der Anatomie als „Körperspende“ zu überlassen.



2800 Spender sind in der Homburger Kartei registriert, rund 80 Eingänge zählt man pro Jahr. 1100 Euro zahlen die Spender dafür, zu wissenschaftlichen Zwecken seziert und präpariert (und zuletzt eingeäschert) zu werden. Warum macht man das? Es gebe „drei Typen von Körperspendern“, glaubt Aan’t Heck: „Idea­listen, Pragmatiker und Nihilisten.“ Leute, die sich aus Überzeugung in den Dienst der Wissenschaft stellen. Solche, die es aus Kostengründen tun (1100 Euro sind weniger, als ein Begräbnis kostet). Und Menschen, die dem, was nach ihrem Ableben mit ihnen geschieht, keine Bedeutung mehr beimessen. Wobei Professor Thomas Tschernig, Leiter der Arbeitsgruppe Körperspenden, klarstellt, dass „die allermeisten eine altruistische Motivation“ hätten.

In der gerade abgebauten Ausstellung „Das letzte Bild“ der Saarbrücker Stadtgalerie waren zwei jener großformatigen Totenbildnisse zu sehen, die Aan’t Heck 2017 in der Anatomie angefertigt hat – seine Diplomarbeit an der Saarbrücker HBK. Für die dritte dient ihm nun der aufgebahrte Leichnam auf dem Seziertisch als Modell. Schwer zu erklären, wieso: Aber von dem Konservierten geht etwas Beruhigendes, Versöhnliches aus. Eine merkwürdige Aura.

 Seine Staffelei hat Aan’t Heck zu Füßen des Toten postiert: Es wird eine komplizierte Zeichnung, die diesen frontal von unten her zeigen wird, sodass sich der Körper von den Füßen zum Kopf hin verkürzt. Mit all den perspektivischen Verzerrungen, die sich daraus ergeben. Weshalb der 28-Jährige mit einer gerasterten Handschablone arbeitet. Sie zeigt dieselben 16 Planquadrate, die seine auf die Staffelei aufgespannte Vorzeichnung aus feinen Stofffäden netzartig überziehen. Eine Woche braucht er für die Vorzeichnung, deren richtige Proportionen alles entscheidend sind. Drei weitere nimmt die Binnenzeichnung in Anspruch. Das Erzeugen einer Plastizität. Das Beleben der anfangs noch toten Striche, Linien, Schattierungen. Zuletzt geht nochmal eine für den Ausgleich der Hell-Dunkeltöne drauf.

„Oh du, der du die Maschine unseres Körpers erforschst, gräme dich nicht, weil durch den Tod eines anderen etwas von ihr kundtun kannst“, schrieb Leonardo in seinen Notizbüchern, als habe er künftigen Künstlerkollegen die Scheu vor der Konfrontation mit einer sterblichen Hülle nehmen wollen. Im Homburger Präpariersaal nebenan liegen mehrere Leichen, die bis zu 30 Jahre alt sind. Generationen von angehenden Medizinern sind an ihnen geschult worden, um die Funktionsgesetze von Nerven- oder Muskelsträngen aus eigener Anschauung nachzuvollziehen. Aan’t Heck durfte an Präparierkursen (und Konservierungen) als Beobachter teilnehmen. Der Leiter der Homburger Rechtsmedizin hat eines seiner Großformate gekauft. Der junge Künstler selbst spricht ein paarmal von seinen Studienobjekten als „Präparaten“. Statt mit dem Skalpell präpariert er sie mit Minenbleistiften. Wobei er im heruntergekühlten Anatomiesaal nach drei, vier Stunden, „weil die Hände dann hier zu zittern anfangen“, raus ins Warme muss. Seine künstlerischen Tagesschichten dauern acht Stunden im Schnitt.

Ursprünglich wollte der in Moosburg an der Isar geborene Meisterschüler von HBK-Rektorin Gabriele Langendorf Ägyptologe werden. Dann zog es ihn doch zur Kunst. Weil er figürliche Malerei studieren wollte, kamen nicht viele Kunsthochschulen infrage. In den meisten Malerklassen ist noch die Generation der Abstrakten und Konkreten am Ruder. In München konkurrierten 300 Bewerber um fünf Plätze in der 20-köpfigen Malerklasse Anke Doberauers. Am Ende verschlug es Aan’t Heck nach Saarbrücken. Er hat es nie bereut. Das Niveau der HBK sei sehr viel besser als ihr bundesweiter Ruf. Dank guter Professoren und guter Gastdozenten, sagt er. Nicolas Schaffhausen, Direktor der Wiener Kunsthalle, etwa habe ihm während dessen HBK-Gastspiel viele Ratschläge gegeben. Wie der heutige Kunstmarkt tickt und weshalb Netzwerkarbeit das A und O ist. Immerhin: Als einer der wenigen (seinerzeit noch) Nicht-Diplomierten nahm Aan’t Heck im Sommer 2017 an der Landeskunstausstellung „Saar Art“ teil – Kuratorin Cornelieke Laagerward waren seine Arbeiten bei einem HBK-Rundgang aufgefallen. Mit zoologischer Genauigkeit hatte er tote Singvögel gezeichnet, die er gefunden hatte. Bilder voller Anmut.

Zwar lebt der 28-Jährige mittlerweile in Offenburg, wo seine Freundin ihr Referendariat macht. Seine Totenzeichnungen aber ziehen ihn regelmäßig hierher. Ein Monat Arbeit für ein Großformat: Er weiß, dass das unter rein wirtschaftlichen Vorzeichen Wahnsinn ist. Aber deshalb Kunst zu machen, die sich schnell umschlagen lässt, kommt nicht infrage. „Für mich ist das künstlerisch ein Plus, keine hingerotzten Arbeiten zu machen.“ Wer länger mit Aan’t Heck redet, merkt, wie reflektiert er ist. Er hat viel Tucholsky und Adorno gelesen. Studiert oft mehrere Stunden täglich Zeitungen. Interessiert sich sehr für Politik und Physik. „Für die Zusammenhänge unserer Gesellschaft und deren Konstruktion.“ Kann sich vorstellen, sich mal auf eine Professur an einer Akademie zu bewerben. Oder Ausstellungen zu kuratieren. Um sich durchzuschlagen, jobbte er bisher drei Monate im Jahr bei ZF in Saarbrücken und kellnerte. Ab und an verkauft er auch mal eine Arbeit – darunter kleinere anatomische Zeichnungen. Jetzt hat er einen größeren Auftrag eines hiesigen Unternehmens an der Angel: 100 kleine Zeichnungen und Skizzen für eine Werbekampagne. Sein Name solle später da nicht fallen, hat er vereinbart. Weil das ja keine Kunst sei.

Wie aber wird es mit der weitergehen? Er wolle künftig auch Kunst im öffentlichen Raum machen und wieder zur Malerei zurück. Da müsse er „auch mal als Kaufmann denken“, sagt Aan’t Heck. Zeichnungen verkauften sich nicht gut. Auch erfordere Papier viel Pflege. Klar, sie sind nichts für übers Sofa. Und seine Totenbildnisse schon gar nicht. „Stimmt“, sagt Aan’t Heck und muss kurz losprusten.

Aan’t Heck im Seziersaal der Homburger Anatomie, vor ihm der zugedeckte Leichnam.
Aan’t Heck im Seziersaal der Homburger Anatomie, vor ihm der zugedeckte Leichnam. FOTO: Oliver Dietze
Eine der Totenzeichnungen von Mathias Aan’t Heck.
Eine der Totenzeichnungen von Mathias Aan’t Heck. FOTO: Mathias Aant'Heck