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Gesünder leben
Wie Gemüse hohen Blutdruck senken kann

 Ein Blick in den menschlichen Darm: Die Darmzotten genannten Ausstülpungen (rosa) ermöglichen die effektive Aufnahme von Nährstoffen aus der Nahrung. Im Darm sind zahlreiche Bakterienarten (hier gelb, blau und türkis gefärbt) angesiedelt.
Ein Blick in den menschlichen Darm: Die Darmzotten genannten Ausstülpungen (rosa) ermöglichen die effektive Aufnahme von Nährstoffen aus der Nahrung. Im Darm sind zahlreiche Bakterienarten (hier gelb, blau und türkis gefärbt) angesiedelt. FOTO: Getty Images/ iStockphoto / ChrisChrisW
Saarbrücken. Bakterien im Darm können Ballaststoffe verdauen und bilden dabei Fettsäuren. Diese können ein aggressives Immunsystem beruhigen, was wiederum unserer Herz-Kreislauf-Gesundheit zugute kommt.

(ml) Unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit hängen auch davon ab, ob unsere Darmbakterien von den Nahrungsmitteln, die wir essen, pofitieren. In den vergangenen Jahren hat sich herausgestellt, dass im menschlichen Darm Bakterien siedeln, die Ballaststoffe verdauen können und dabei als Produkte ihres Stoffwechsels kurzkettige Fettsäuren produzieren. Diese Fettsäuren dienen unseren eigenen Körperzellen als Nahrung und können Entzündungen verhindern und bekämpfen. Wir wissen heute auch, dass eine Ernährung mit nur wenigen oder keinen Ballaststoffen uns anfälliger für entzündliche Erkrankungen macht.

Unser Darm enthält schätzungsweise 100 Billionen Mikroorganismen. Dazu gehören neben den Bakterien auch Viren, Pilze oder Makrophagen. Diese Gemeinschaft wird als Mikrobiom bezeichnet. Die Mehrheit der Bakterien ist wesentlich daran beteiligt, die aufgenommene Nahrung aufzuspalten und unserem Körper lebenswichtige Stoffe, darunter Vitamine und Fettsäuren, verfügbar zu machen.

Das pflanzliche Gewebe in Gemüse, Salat, Obst, Getreide, Nüssen und Kräutern enthält in der Regel in den Zellwänden komplexe Kohlenhydrate wie zum Beispiel Zellulose, Lignin und Inulin. Diese sind besser bekannt als Ballaststoffe. Wirbeltiere, also auch Menschen, können diese zähen, faserigen Ballaststoffe im Magen und Darm nicht selbst zerlegen. Dazu brauchen sie die entsprechenden Darmbakterien.



Ein Forscherteam des Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin und der Universitätsklinik Berlin (Charité) hat jetzt untersucht, wie die Fettsäure Propionsäure auf den menschlichen Organismus wirkt. Bestimmte Darmbakterien produzieren die Propionsäure aus natürlichen Ballaststoffen in der Nahrung.

Was inzwischen über die Wirkung der Propionsäure bekannt ist, stammt aus Experimenten mit Mäusen. Propionsäure schützt vor den Folgen von Bluthochdruck wie etwa Atherosklerose oder dem Umbau des Herzgewebes. Die Fettsäuren beruhigen jene Immunzellen, die den Blutdruck in die Höhe treiben.

Die Berliner Forscher fütterten Mäuse, die unter erhöhtem Blutdruck litten, mit Propionsäure. In der Folge wiesen die Tiere weniger ausgeprägte Herzschäden oder krankhafte Vergrößerungen des Organs auf. Zudem waren sie weniger anfällig für Herzrhythmusstörungen. Gefäßschäden wie Atherosklerose gingen zurück.

„Propionsäure wirkt gegen ein ganzes Spektrum von Schädigungen des Herz-Kreislauf-Systems, die auf hohen Blutdruck zurückzuführen sind“, fasst Professor Dr. Dominik Müller zusammen, der Leiter des Forscherteams. „Das könnte vor allem für die Behandlung von Patienten interessant werden, die zu wenig von dieser Fettsäure haben.“

Seit fast fünf Jahren läuft die Berliner Studie zur Wirkung der Propionsäure. „Wir haben herausgefunden, dass die Substanz den Umweg über das Immunsystem nimmt und so auf Herz und Gefäße einwirkt“, sagt Dr. Nicola Wilck, einer der beteiligten Wissenschaftler.

Insbesondere eine bestimmte Gruppe von Immunzellen, die T-Helferzellen, die entzündliche Prozesse befeuern und Bluthochdruck mitverursachen, werden durch die Propionsäure beruhigt. Dieser heilende Einfluss wirkt sich auf die Leistungsfähigkeit des Herzens aus.

Die Forscher versuchten, durch gezielte elektrische Reize bei noch unbehandelten Mäusen Herzrhythmusstörungen auszulösen. Bei 70 Prozent der Tiere gelang das auch. Wurden die Mäuse jedoch zuvor mit Propionsäure gefüttert, waren nur noch 20 Prozent für eine Rhythmusstörung anfällig.

Untersuchungen mit Ultraschall, Gewebeschnitte und die Analyse einzelner Zellen zeigten, dass Propionsäure blutdruckbedingte Schäden am Herz-Kreislauf-System der Tiere verminderte und ihre Überlebensrate wesentlich steigerte. Schalteten die Forscher jedoch einen bestimmten Untertyp der T-Zellen, die sogenannten regulatorischen T-Zellen, im Körper der Mäuse aus, verschwanden die positiven Effekte der Propionsäure.

Offensichtlich sind die Immunzellen für den heilsamen Effekt der Substanz unabdingbar. Ein Forscherteam um den Privatdozenten Dr. Johannes Stegbauer an der Universitätsklinik Düsseldorf hat diese Erkenntnis mittlerweile bestätigt.

Die Ergebnisse erklären, warum eine ballaststoffreiche Ernährung Herz-Kreislauf-Krankheiten vorbeugen kann. Es ist jetzt nachgewiesen, dass Darmbakterien aus den Zellulose- und Inulinfasern in Vollkornprodukten, Gemüse oder Obst unter anderem die Fettsäure Propionsäure herstellen. Wie diese im Körper wirkt, haben die Berliner Forscher jetzt erstmals nachvollziehen können.

Die Ergebnisse der Studie eröffnen neue Wege in der Therapie von Herz-Kreislauf-Kranken. „Vielleicht ist es sinnvoll, Propionsäure oder eine chemische Vorstufe direkt als Medikament zu verabreichen, etwa wenn die Betroffenen selbst zu wenig davon im Blut haben“, sagt Nicola Wilck.

Allerdings muss sich Propionsäure im medizinischen Einsatz erst noch bewähren. Daher möchte das Forscherteam nun menschliche Probanden untersuchen und so seine Erkenntnisse aus den Versuchen mit Mäusen bestätigen.

Dass man Propionsäure bedenkenlos verzehren kann und sie zudem kostengünstig hergestellt werden kann, steht bereits fest. Die Substanz ist als Lebensmittelzusatzstoff zugelassen. Sie wird als Konservierungsmittel eingesetzt, etwa in Schnittbrot.

Kurioserweise wird Propionsäure neuerdings auch probiotischen Haushaltsreinigern zugesetzt. Biowissenschaftler des Karlsruher Instituts für Technologie, die solche Produkte vor Kurzem getestet haben, sind von deren Wirksamkeit jedoch nicht überzeugt.