| 21:31 Uhr

Regierung trifft Einzelhandel zum Gespräch
Zwei Kilo Hähnchen für 3,99 Euro - Muss das sein?

 Aktivisten der „Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft“ und der Umweltschutzorganisation Greenpeace stehen mit einem Transparent „Billigfleisch kostet uns die Zukunft“ vor dem Bundeskanzleramt.
Aktivisten der „Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft“ und der Umweltschutzorganisation Greenpeace stehen mit einem Transparent „Billigfleisch kostet uns die Zukunft“ vor dem Bundeskanzleramt. FOTO: dpa / Michael Kappeler
Berlin. (dpa) Gepökelter Krustenbraten um die Hälfte heruntergesetzt, zwei Kilo Hähnchenschenkel für 3,99 Euro: Im Konkurrenzkampf um die Kunden locken Supermärkte regelmäßig mit Schnäppchenaktionen für Lebensmittel.

Das bringt nicht nur Bauern in Rage, die seit Monaten mit Traktoren protestieren - gegen neue Auflagen und Kosten beim Umwelt- und Tierschutz, aber auch für mehr Wertschätzung für sich und ihre Produkte. Die Bundesregierung hat das Brodeln aufgenommen. Nach dem „Agrargipfel“ sprach Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Montag auch mit dem Handel und platzierte einen mahnenden Appell für Fainess und regionale Produktion. In Preise eingreifen will der Staat nicht.

Was kam bei dem Treffen heraus?

Neue Gesetze seien wie zu erwarten nicht beschlossen worden, sagte Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) nach der Runde. Sie nannte aber einige Punkte, mit denen es weitergehen soll. Da ist ein gemeinsames Treffen mit Landwirtschaft und Handel. Supermärkte wollten regionale Angebote ausbauen. In einer „Beschwerdestelle“ sollten Erzeuger Fälle unfairer Praktiken melden können. Denn bisher bekämen Gemüsebauern schon mal morgens ein Fax, dass es statt 30 am Vorabend bestellter Paletten Kopfsalat nur noch 15 sein sollen. Um so etwas zu stoppen, solle eine entsprechende EU-Richtlinie rasch umgesetzt werden, sagte Klöckner. Lieferanten dürften auch nicht monatelang auf Geld warten.



Wie ist das Verhältnis zwischen Handel und Produzenten?

Die führenden Händler - Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe mit Lidl - kontrollieren nach Angaben des Bundeskartellamts zusammen mehr als 85 Prozent des Lebensmittelmarktes in Deutschland. Das gibt den „großen Vier“ eine gewaltige Einkaufsmacht. Wer bei ihnen nicht gelistet ist, hat es schwer. Klöckner sprach von einem Verhältnis wie bei David gegen Goliath: „So fühlen sich aktuell Erzeuger, wenn sie mit dem Handel verhandeln - Augenhöhe ist nicht gegeben.“ Das schlage sich auch in den Preisen nieder. Allerdings wies Merkel auch darauf hin, dass Supermärkte meist nicht direkt mit den Bauern in Kontakt stünden. Auch Verarbeiter für Fleisch oder Milch seien angesprochen.

Wie geht der Handel mit Lieferanten um?

Bei Preisverhandlungen wird oft mit harten Bandagen gekämpft. Das kann bis zum vorübergehenden Boykott bestimmter Produkte gehen, um Lieferanten unter Druck zu setzen. Das bekamen in den vergangenen Jahren sogar bekannte große Markenhersteller wie Nestlé oder Coca-Cola zu spüren. Dabei sind ihre Produkte für den Handel deutlich schwerer zu ersetzen als Angebote von Bauern und anderen kleineren Anbietern. „Ein Preisdruck des Handels zulasten von Tierschutz- und Umweltstandards ist nicht im Interesse der Verbraucher“, sagt auch der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzvb), Klaus Müller.

Wie sind die Bauern davon betroffen?

Klöckner warnt vor Dauertiefstpreisen. Wertschätzung könne nicht entstehen, wenn Fleisch, Obst und Gemüse teils verramscht würden. „Im Gegenteil: Man gewöhnt sich daran, der Handel erzieht sich seine Verbraucher.“ Leidtragende am Ende der Kette seien die Bauern, denen weniger bleibe, selbst wenn sie höhere Standards liefern müssten. Von einem Euro, den Verbraucher für Nahrung zahlen, kommen beim Erzeuger im Schnitt noch knapp 21 Cent an, wie das Thünen-Forschungsinstitut nach Daten für 2018 ermittelte. Der Tierschutzbund forderte, nicht allein den Handel in den Preis-Blick zu nehmen, sondern etwa auch Schnellrestaurantketten.

Was sagt der Handel zu den Vorwürfen?

Die Branche fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Der Handelsverband Deutschland (HDE) betonte vorab: „Lebensmittel werden hier nicht verschleudert.“ Deutschland liege bei Lebensmittelpreisen rund zwei Prozentpunkte über dem Schnitt der EU-Staaten. Zudem gebe es „globale Preisabhängigkeiten“, die man national gar nicht steuern könne. Rewe-Chef Lionel Souque erinnerte auch daran, dass hierzulande rund 13 Millionen Menschen an der Armutsgrenze lebten. „Günstige Lebensmittelpreise ermöglichen diesen Menschen eine gesunde und sichere Ernährung.“

Warum setzten Supermärkte auf Aktionen mit Billigpreisen?

Trotz aller Debatten zeigt sich: Viele Kunden lieben Schnäppchen. Für fast zwei Drittel (65 Prozent) der Bundesbürger sind Sonderangebote beim Einkaufen wichtig, wie das Marktforschungsunternehmen Nielsen in seiner Studie „Consumers 2019“ berichtete. Im harten Wettbewerb kann sich kein Händler leisten, diese Erwartungen zu enttäuschen und sein „Preis-Image“ zu gefährden. Wie empfindlich viele Verbraucher beim Preis sind, erlebte vor einigen Monaten Lidl. Der Discounter wollte nur noch Bananen mit Fairtrade-Siegel verkaufen, das sollte 10 bis 20 Cent pro Kilo mehr kosten. Doch die Verbraucher spielten nicht mit und kauften bei der Konkurrenz.

(dpa)