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Künstliche Intelligenz
„Delta“ blickt tief ins menschliche Gehirn

 Nicklas Linz, Geschäftsführer von KI Elements, erklärt Merkur-Mitarbeiter Lothar Warscheid die App zur Früherkennung von kognitiven Störungen.
Nicklas Linz, Geschäftsführer von KI Elements, erklärt Merkur-Mitarbeiter Lothar Warscheid die App zur Früherkennung von kognitiven Störungen. FOTO: Rich Serra
Saarbrücken. Forscher haben eine App entwickelt, die Anzeichen von Demenz und Folgen eines Schlaganfalls erkennen soll. Daraus wird ein Geschäftsmodell. Von Lothar Warscheid

Mit künstlicher Intelligenz (KI) messen, wie es um die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns bestellt ist und ob die Gefahr von Demenz droht. Saarbrücker Wissenschaftler des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) haben für diese Aufgabe eine Lösung gefunden und daraus eine Software mitsamt der entsprechenden App entwickelt. Diese ist die Grundlage für ein Geschäftsmodell und eine Firmenausgründung (Spin-off) aus dem DFKI heraus. KI Elements heißt das Unternehmen und „Delta“ das Produkt. Seit Ende vergangenen Jahres ist es am Start.

„Wir haben Testreihen entwickelt, bei denen anhand der Sprache analysiert werden kann, ob die ersten Anzeichen einer Demenz-Erkrankung vorliegen“, erläutert Nicklas Linz, der neben Jan Alexandersson und Andrey Girenko Geschäftsführer von KI Elements ist. Die Probanden müssen beispielsweise in einer Minute so viele Tierarten aufzählen, wie ihnen einfallen. Bei einem anderen Test werden ihnen Wörter vorgelesen, von den sie nach zehn Minuten möglichst viele wiederholen müssen. Präzise Bildbeschreibungen sind eine weitere Variante.

Diese Tests sind nicht neu, basieren bisher aber auf klassischen Fragebögen. „Mit Papier und Stift Veränderungen der Gehirnfunktionen herauszufinden, ist sehr aufwendig und setzt ein große Erfahrung voraus“, sagt Linz. „Die App-Software von Delta analysiert die Sprache hingegen automatisch und wandelt sie in Text um.“ Mithilfe von Erkennungsmustern, die mit einer wachsenden Zahl von Testpersonen ständig verfeinert werden, können Störungen, die beim Sprechen aufgrund einer abnehmenden Gehirnleistung auftreten, „zuverlässig aufgespürt und in den Texten markiert werden“, sagen die Wissenschaftler. In diese Analyse fließen Phänomene wie Sprechgeschwindigkeit, Wortflüssigkeit oder die reibungslose Umsetzung von Gedankengängen.



Doch nicht nur Sprechtests sind mit der App möglich. Es können auch wahllos auf dem Bildschirm verteilte Zahlen gezeigt werden, die der Proband mit einem Stift in aufsteigender Reihenfolge miteinander verbinden muss. „Wir sehen genau, wie schnell der Stift geführt wird und wo Denkblockaden auftreten, wenn es gilt, die nächsthöhere Zahl zu entdecken“, sagt Linz. Die Stiftführung werde gespeichert und könne zu Analysezwecken immer wieder aufgerufen werden.

Zudem könnten diese Testreihen individuell zugeschnitten werden, denn „neben dem Alter werden Faktoren wie Bildungsgrad oder Beruf mitberücksichtigt“. „Egal, welchen Platz jemand im Leben einnimmt, wenn die gleichen Tests regelmäßig wiederholt werden, sind die Ergebnisse ein zuverlässiger Indikator für Stand und Entwicklung seiner Gehirnfunktionen“, sagt Alexandersson. Der Schwede hat gute Kontakte zur Universität Göteborg, die Langzeit-Studien betreut, in denen Hunderte von Probanden seit 1971 regelmäßig auf ihre kognitiven Fähigkeiten untersucht werden (H70-Studien). Damals waren sie jung, heute sind es alte Menschen. „Für solche Forschungen ist unser Produkt bestens geeignet“, meint er.

Die Firmenchefs setzen auf eine breite Anwendung von Delta in Krankenhäusern und Arztpraxen. Die Tests könnten nicht nur frühe Aufschlüsse über eine mögliche Alzheimer-Demenz geben, sie könnten auch nach einem Schlaganfall die verbliebene Gehirnleistung messen. Ein weiteres Anwendungsgebiet könnte auch der Einsatz bei einer Medizinisch-Psychologischen Untersuchung („Idiotentest“) sein, wenn jemand seinen Führerschein wiederhaben will.