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Autounfälle
Wenn Computer Kfz-Sachverständige werden

Künftig sollen Computerprogramme Unfallschäden binnen kurzer Zeit analysieren.
Künftig sollen Computerprogramme Unfallschäden binnen kurzer Zeit analysieren. FOTO: Armin Weigel / dpa
München. Schadenaufnahme und Kostenvoranschlag für die Reparatur sind Routine nach einem Autounfall. Kann das bald auch intelligente Software?

(dpa) Der vollautomatische Kfz-Sachverständige hat keinen Namen – und er arbeitet sehr schnell: Schadenaufnahme und Kostenvoranschlag für die Reparatur binnen 30 Sekunden. Denn der Schaden wird nicht von einem Menschen begutachtet, sondern von künstlicher Intelligenz. Das britische Start-up Tractable hat eine selbstlernende Software entwickelt, die Autoschäden jeder Art analysieren kann. Autofahrer müssen nur noch Fotos der beschädigten Wagen an die Versicherung schicken – den Rest erledigt die Maschine. „Wir haben die künstliche Intelligenz mit Millionen von Aufnahmen beschädigter Autos trainiert“, sagt Tractable-Verkaufschef Adrien Cohen. Der Autofahrer muss dabei kein Meisterfotograf sein. Die Software funktioniere unabhängig von Aufnahmeperspektive und Lichtverhältnissen.

Tractable ist auf diesem Feld keineswegs allein, Automatisierung ist in der Versicherungsbranche ein großer Trend. Geforscht und entwickelt wird an allen Ecken und Enden, von kleinen Start-ups bis zu Konzernen wie Allianz. So hat der Münchner Branchenriese zwar noch nicht in Deutschland, aber in Österreich eine „Allianz Schaden Express App“ im Einsatz. Kunden in der Alpenrepublik können ihre Fotos per Handy wahlweise zur Dokumentation des Fahrzeugschadens in einem computeranimierten 3D-Modell eingeben. „In diesem Fall erhält der Kunde innerhalb einer Stunde Rückmeldung zu den nächsten Schritten in der Schadenbearbeitung, zum Beispiel eine Reparaturfreigabe“, sagt Emma Garriga, Abteilungsleiterin für „Advanced Business Analytics“ in der Allianz-Konzernzentrale.

Das Prinzip: „Wo ein Mensch eine Entscheidung aufgrund von Bildern treffen kann, kann das auch die künstliche Intelligenz“, sagt Tractable-Manager Cohen. Bisher sind alleinige Entscheidungen durch Computer unüblich, in der Regel sind noch Sachbearbeiter in den Schadenabteilungen der Versicherer beteiligt. Und die haben eine Menge zu tun: Das Statistische Bundesamt prophezeite Anfang Dezember, dass die Zahl der Verkehrsunfälle 2017 erstmals die Marke von 2,6 Millionen überschreiten werde.



Den Großteil der Verkehrsunfälle machen Blechschäden aus – Routinefälle für Versicherungen. In absehbarer Zukunft könnte es technisch möglich sein, dass eine Versicherung ihren Kunden nach einem Schaden binnen weniger Minuten Geld überweist, zumindest bei einfachen Standardschäden wie Parkremplern.

Dabei geht es keineswegs nur um besseren Service für die Kunden. Im Schnitt fallen bei einer Versicherung drei Viertel ihrer Gesamtkosten für die Bezahlung und Bearbeitung der Schäden an, heißt es in einer Studie des Beratungsunternehmens Swiss Post Solutions und der Leipziger Versicherungsforen. Daher stellen sich viele Versicherungsmitarbeiter besorgt die Frage: Und was wird aus mir? „Ich glaube nicht, dass künstliche Intelligenz menschliche Arbeitskräfte ersetzen wird“, sagt Tractable-Verkaufschef Cohen. „Ich denke, dass Computer einfache Arbeitsgänge ersetzen können. Menschen können sich auf komplexe Fälle konzentrieren.“