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Energiewende
Weiternutzen oder verschrotten

Windrad-Betreiber befassen sich mit der Frage, was mit alten Anlagen geschehen soll.
Windrad-Betreiber befassen sich mit der Frage, was mit alten Anlagen geschehen soll. FOTO: Andreas Arnold / dpa
Mainz. Tausende Windkraftanlagen drehen sich in Rheinland-Pfalz – und das zum Teil schon ziemlich lange. Nun läuft bald die Förderung aus. Viele Betreiber stehen vor der Frage: Was machen mit den alten Anlagen?

Vor mehr als 20 Jahren begann der große Aufschwung der Windenergie. Feste Einspeisevergütungen und Förderprogramme kurbelten die Branche an. In den kommenden Jahren endet nun die ursprünglich geplante Betriebszeit vieler Anlagen. Zahlreiche Betreiber stehen vor der Frage, ob sie die Windräder weiterbetreiben, verkaufen oder schlicht entsorgen sollen. Alles hat Vor- und Nachteile. Derweil ist die Entwicklung neuer Entsorgungswege in vollem Gange.

Voraussetzung für eine Verlängerung der Betriebszeit ist eine erfolgreiche technische Begutachtung, wie Jürgen Fuhrländer von der Gesellschaft für Windenergieanlagen aus Rennerod erklärt. Auch er selbst nimmt Anlagen unter die Lupe. Gecheckt würden etwa die Standsicherheit und ob ein unfallfreier Weiterbetrieb sichergestellt sei. „Viele Anlagen haben ein hohes Restlaufzeitpotenzial“, sagt er.

Auch Felix Wächter, Sprecher des Wörrstädter Energiespezialisten Juwi, sagt: „Unsere Erfahrung zur Lebensdauer ist, dass viele Alt-Anlagen unter technischen Gesichtspunkten weiterbetrieben werden können“. Anlagen aus den 1990ern seien tendenziell überdimensioniert und würden deswegen in Fachkreisen Eisenschweine genannt. Erst später habe der Trend zur Einsparung von Material eingesetzt.



Also klares Ja fürs Weiterdrehen? Nicht unbedingt. Laut der Branchenorganisation Deutsche Windguard kostet ein Gutachten für einen Weiterbetrieb je nach Anlage und Standort zwischen 5000 und 20 000 Euro. Zudem stellt sich die Frage der Wirtschaftlichkeit, wenn Anlagen nach 20 Jahren aus der Einspeisevergütung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) herausfallen. Auch bei vor dem Jahr 2000 errichteten Anlagen wird das ab Ende 2020 der Fall sein – also in nicht allzu ferner Zukunft.

Der Deutschen Windguard zufolge dürften dann bundesweit etwa 6000 Windkraftanlagen betroffen sein; Tausende weitere kommen in den Folgejahren dazu. Fakt ist: Nach Ablauf der EEG-Vergütung muss der mit diesen Anlagen erzeugte Strom zu Börsenpreisen verkauft werden. Während es vorher rund neun Cent pro Kilowattstunde gewesen seien, könne der Ertrag dann auf nur noch knapp drei Cent schrumpfen, sagt Fuhrländer. Entsprechend werde an alternativen Nutzungen gearbeitet.

In diesem Jahr gehe in Rheinland-Pfalz die erste Anlage in Betrieb, bei der mit Windkraft Wasserstoff produziert werde – „grüner Wasserstoff“, wie Fuhrländer sagt. Den Markt dafür sieht er durchaus, etwa beim Blick auf das große Thema Brennstoffzellen-Antrieb.

Wächter zufolge rentiert sich das Festhalten an Standorten oft, wenn alte durch neue Anlagen ersetzt werden. Repowering heißt das in Fachkreisen. Der Ertrag von Windkraftanlagen habe sich enorm erhöht, sagt Wächter. Auch das rheinland-pfälzische Energieministerium sieht im Repowering die Chance, geeignete Standorte effizient und bei „geringer optischer Belastung“ zu nutzen. 2014 sind dem Ministerium zufolge im Land 64 Anlagen gerepowert worden, 2015 dann 14 und drei im Jahr 2016. Ab 2020 sei mit deutlich mehr Repowering zu rechnen. Allerdings: Mancherorts geht der Austausch wegen neuer Abstandsregeln etwa zu Wohngebäuden nicht, wie Ciro Capricano sagt. Er hat eine auf Windkraft spezialisierte Beraterfirma in Diez.

Eine weitere Alternative ist der Verkauf der Anlagen nach einer Generalüberholung auf dem sogenannten Zweitmarkt. Die Türme werden abgebaut, an anderer Stelle im Ausland aufgebaut und weiterbetrieben. „Die ausgereifte deutsche Technik ist da sehr beliebt“, sagt Fuhrländer. Auch der Bundesverband Windenergie spricht von einem „gut funktionierenden Markt für Altanlagen“. Wichtige Abnehmer seien die ehemaligen GUS-Staaten, Polen und südosteuropäische Länder, betont der Geschäftsführer Strategie und Politik des Verbandes, Wolfram Axthelm.

Oder eben doch Abbau und Entsorgung. Dabei fällt reichlich Material an, das es möglichst zu recyceln gilt. Die Tonnen an Stahl, Beton und Kupfer lassen sich problemlos entsorgen, wie Capricano erklärt. Der Beton könne etwa im Straßenunterbau verwendet werden, Metall sei ohnehin begehrt. Problematischer seien die Rotorblätter, die früher den Kunststoff Polyester enthalten hätten und heute Epoxydharz. Früher kamen viele der Blätter auf Deponien – das geht heutzutage nicht mehr.

Experte Capricano hofft auf ein neues Verfahren im Probebetrieb, bei dem Rotorblätter zermahlen würden. Der Glasfaserstaub könne Beton als Bindemittel zugeführt werden. Auch Michael Ullrich, Fachreferent Umweltschutz beim Landesverband des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) kennt diese Methode und hält sie für vielversprechend. Es tue sich eine Menge, sagt er. Ohnehin hätten Betreiber Rücklagen für den Rückbau von Anlagen hinterlegen müssen. Ullrich meint allerdings: Der hohe Energieverbrauch von heute lasse sich nicht allein mit grünen Energien stemmen. „Der Verbrauch muss runter im Land, sonst ist die Energiewende nicht hinzukriegen.“

(dpa)