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„Walk of Steel“
Auftanken auf dem Protest-Weg nach Brüssel

  Protest-Etappe in Luxemburg: So ganz wollte das „Walk of Steel“-Herz bei Regenwetter vor den ehemaligen Hochöfen in Belval zunächst nicht zünden.
Protest-Etappe in Luxemburg: So ganz wollte das „Walk of Steel“-Herz bei Regenwetter vor den ehemaligen Hochöfen in Belval zunächst nicht zünden. FOTO: Hélène Maillasson
Esch/Alzette. Der „Walk of Steel“ der Saar-Stahlarbeiter erlebt schlechtes Wetter, aber viel Zuspruch. Im luxemburgischen Esch gibt’s nicht nur kollegialen Kaffee. Von Hélène Maillasson

Der Kaffee ist schon heiß und die Käse-Schinken-Sandwiches liegen vorbereitet auf den Tabletts, als die ersten „Steel-Walker“ Esch-sur-Alzette erreichen. Die Etappe in der luxemburgischen Stahl-Stadt ist eine willkommene Verschnaufpause. Susanne Heintz schaut im Schrittzähler in ihrem Handy nach: „14 Kilometer waren es heute, aber im Vergleich zu den Tagen davor hatten wir Glück, es hat nicht geregnet.“ Heintz ist Betriebsrätin bei Saarstahl. Mit ihren Kollegen hat sie vergangene Woche den „Walk of Steel“ begonnen – ein 350 Kilometer langer symbolischer Fußmarsch von Völklingen nach Brüssel, um dort für die Zukunft der Stahlbranche zu kämpfen.

Auf dem Weg dahin macht die saarländische Delegation am Montagabend Halt im „Café Streik!“ – der Name ist Programm – auf Einladung der luxemburgischen Gewerkschaft OGBL. Deren Vorsitzende Nora Back ist begeistert von der Aktion aus dem Saarland. „Was sie auf die Beine stellen, ist unglaublich. Sie haben für ihr Anliegen so viel Resonanz erhalten, in der Bevölkerung, in der Politik, in den Medien. Sie sind für uns ein echtes Vorbild“, sagt sie. Auch im vergleichsweise glückseligen Luxemburg kennt man die Probleme der Saar-Stahlarbeiter. Denn „unser Land besteht nicht nur aus Banken“, wie eine OGBL-Mitstreiterin an der Theke sagt. In Esch wurden bis 1997 Hochöfen betrieben. Heute bleibt ArcelorMittal mit Sitz in Luxemburg weiterhin der weltgrößte Stahlkonzern – es wurden aber im Laufe der Jahre Werke geschlossen, und auch hier sorgen sich die Mitarbeiter um die Zukunft, die unfaire Konkurrenz aus China, immer mehr Öko-Auflagen aus Brüssel und schlichtweg um ihre Arbeitsplätze. „Sie haben Recht mit ihrem Marsch nach Brüssel, den Druck hochzuhalten. Sie kämpfen für den Schutz des europäischen Stahls, also auch für uns“, findet Patrick Freichel.

Zu den roten OGBL-Kappen kommen immer mehr schwarze „Walk of Steel“-Jacken hinzu. Dann sind alle Saarländer da. Ursprünglich wollten sie von hier die vier Kilometer nach Belval zu den ehemaligen Hochöfen laufen. Doch das geht nicht. Es wurde keine Demonstration angemeldet. Auch im Saarland war der bisherige „Walk of Steel“ keine Demonstration im engeren Sinne, sondern ein „Spaziergang“ der Betriebsräte, dem sich Sympathisanten anschließen konnten. Die Aktion war im Saarland bekannt, man drückt ein Auge zu. Doch so einfach blockiert man nicht die Escher Innenstadt mit hohem Pendler-Verkehr – ohne Genehmigung. Also werden die vier Kilometer ausnahmsweise mit Bussen zurückgelegt. An Michael Mangs Kilometerkonto ändert das nichts. Die 14 aus Bettembourg bis Esch ist er schon heute gelaufen. „Heute sind wir dem Regen davonmarschiert, aber auch an den Regen- und Windtagen im Saarland war die Unterstützung von den Menschen unfassbar. In der Nähe von Perl haben sogar zwei Kneipen extra für uns aufgemacht“, berichtet der Betriebsrat. Das zeige, dass es nicht nur um einen Kampf um die eigenen Jobs gehe, sondern dass sich alle Saarländer betroffen fühlten. „Auch privat wird man angesprochen, an der Tanke oder in der Bäckerei wurde ich auf meine ‚Walk of Steel‘-Jacke angesprochen, die Leute stehen hinter uns.“



Die gleiche Erfahrung macht sein Kollege, der Saarstahl-Betriebsratsvorsitzende Stephan Ahr: „Jung, Alt, Männer, Frauen, Senioren, Familien mit Kindern: Wir werden von allen unterstützt und es ist ein sehr gutes Gefühl.“ Mit diesem ungewöhnlichen symbolischen Akt wollten die Betriebsräte mehr Bewusstsein für die Zukunft ihrer Branche schaffen. In dieser Hinsicht wurden ihre Erwartungen übertroffen. „Wir haben schon mehr Menschen mobilisieren können, als wir uns vorgestellt hatten“, bilanziert Ahr. „Es ist nicht mal Halbzeit und wir könnten nach Hause gehen. Tun wir aber nicht, denn unser originäres Ziel, unsere Zukunft langfristig zu sichern, ist noch nicht erreicht. Und dafür laufen wir bis zum Platz, wo die Entscheidungen getroffen werden“, also nach Brüssel. Das ist das Ziel der Reise. Am Ende ihres Protestzugs werden sie EU-Kommissions-Vizepräsident Frans Timmermans treffen. Er hat eine halbe Stunde Zeit für sie. Und sie haben ihm viel zu sagen.

Bei Bier, Tee und Cola haben die Walker aus dem Saarland Zeit, schnell das Handy aufzuladen und auch ihre Kollegen aus Luxemburg besser kennenzulernen. Ahr bedankt sich für die Gastfreundschaft der OGBL – „die einzige Gewerkschaftsdelegation mit einer eigenen Kneipe, Respekt!“. Im Saarland waren bei jeder Etappe bekannte Gesichter aus der Politik zu sehen, die den „Walk of Steel“ unterstützten und ein paar Kilometer mitliefen. Im „Café Streik!“ sind nur Gewerkschafter, Freunde, Familie und ein paar Journalisten da, die Bilder machen. Die Politik einbinden und sich gleichzeitig nicht von den Parteien als Werbemotiv einspannen lassen, die Aufgabe ist nicht immer einfach. Das weiß auch Betriebsrat Eric Ehlen. „Im Saarland haben die Politiker aber parteiübergreifend verstanden, dass es um die Sache geht. Die Stahlindustrie gehört zu unserer Geschichte, aber auch zur Zukunft unseres Bundeslandes. Je größer der Kreis der Unterstützer, umso besser.“

Noch einen zweiten Kaffee, um Wärme zu tanken, und es geht weiter für die Demonstranten, mit den Bussen Richtung Belval. Wo hier früher die Stahlindustrie voll ausgelastet war, steht heute die Universität. Zeugnisse der Vergangenheit sind zwei erhaltene Hochöfen, die seit 20 Jahren Industriedenkmal sind. Auch im grauen Februar-Nieselregenwetter sieht das ehemalige Industriegebiet architektonisch glänzend aus. Hochöfen als Industriedenkmäler? Kein Modell für das Saarland, „wollen wir nicht, wir haben genug Weltkulturerbe“, ironisiert Betriebschef Ahr. Auch seine Kollegin, die 29-jährige Lena Harig, glaubt an eine Zukunft der Stahlindustrie. Ihrer Generation liegt auch Klimaschutz besonders am Herzen, doch beides sei vereinbar. „Ich hoffe, dass ich noch sehr viele Jahre in diesem Bereich arbeiten werde, und dafür lohnt es sich, sich zu mobilisieren“, sagt sie. Ihren persönlichen Beitrag dazu wird sie am nächsten Tag bringen. Sie gehört zum nächsten Walk-Team. Auf sie warten 23 Kilometer Richtung Belgien, und jede Menge Regen.