| 23:00 Uhr

Plastik-Abfälle
Noch kein Rezept gegen Verpackungsflut

Die EU will unter anderem Plastik-Strohhalme verbieten.
Die EU will unter anderem Plastik-Strohhalme verbieten. FOTO: dpa / Patrick Pleul
München. Ungeachtet aller Appelle und Initiativen wächst die Menge der Kunststoffverpackungen weiter. Plastik habe viele Vorteile, so die Industrie. dpa

Ungeachtet aller Bekenntnisse zur Müllvermeidung werden Kunststoffverpackungen laut Experten in absehbarer Zeit nicht aus dem Alltag verschwinden. „Ich glaube nicht, dass Kunststoffe schnell ersetzt werden können“, sagt Sven Sängerlaub, Manager am Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung in Freising. „Kunststoff-Verpackungen haben viele Vorteile: Sie sind sehr dünn, leicht und weisen Barriere-Eigenschaften auf.“ Das sind handfeste Pluspunkte für Industrie und Handel: „Barriere-Eigenschaften“ bedeutet, dass viele Kunststoffe undurchlässig für Feuchtigkeit oder Luft sind. Glas, Blech oder Aluminium sind „wesentlich dicker oder erfordern mehr Energie in der Herstellung“, wie Sängerlaub sagt.

Sowohl die Verpackungsproduktion als auch die Menge des Verpackungsmülls sind seit Beginn des Jahrtausends gestiegen. Dabei spielen nicht nur die Bedürfnisse der Wirtschaft eine Rolle, auch das Konsumverhalten der Bürger ist maßgeblich. Eine wachsende Zahl von Single-Haushalten bedeutet, dass mehr Produkte in Kleinpackungen angeboten werden – mehr Verpackung für weniger Inhalt. Die Entwicklung lässt sich an Zahlen ablesen: 2017 wurden in Deutschland laut Zahlen der Verpackungsbranche knapp 4,4 Millionen Tonnen Kunststoffverpackungen produziert, knapp 100 000 Tonnen mehr als im Vorjahr. Die Branche argumentiert, dass Kunststoffverpackung die Haltbarkeit von Lebensmitteln erhöht – und so Verschwendung reduziert.

Der Einzelhandel sei ein Geschäft mit geringen Margen, meint Ulf Kelterborn, Hauptgeschäftsführer der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen. „Verpackungen kosten Geld, und dementsprechend werden auch keine Verpackungen verwendet, die nicht benötigt werden.“ Das sei eher eine Frage des Verbraucherverhaltens. „Wenn die Verbraucher eine gewisse Auswahl wollen, kommen Sie ohne Verpackung nicht aus.“ Unter Umweltgesichtspunkten ist vor allem die Langlebigkeit der Verpackungsabfälle ein großes Problem. Auf den Gipfeln Südtirols und des Trentino stoßen Bergsteiger etwa auf rostige Konservendosen – hundert Jahre alte Hinterlassenschaften des Ersten Weltkriegs.



Zudem erschwert der technische Fortschritt Recycling. „Früher gab es einfache Pappverpackungen, heute haben wir mehrschichtige Verbundmaterialien“, sagt Rolf Buschmann, Experte für technischen Umweltschutz bei der Umweltorganisation BUND. „Die sind so komplex aufgebaut, dass die Wiederverwertbarkeit stark in Frage steht. 52 Prozent der Verpackungen, die im Gelben Sack landen, sind nicht recycelbar.“

In der Tat: „PET aus Flaschen ist derzeit der einzige Kunststoff, der in der EU nach der Wiederaufarbeitung für den direkten Lebensmittelkontakt verwendet wird und zugelassen ist“, sagt Frauenhofer-Experte Sängerlaub. „Es ist technisch schwierig, Kunststoffe beim gegenwärtigen Recycling rein zu bekommen. Es bleiben oft Rückstände anderer Verpackungsmaterialien, bisweilen auch geringe Mengen Lebensmittelreste.“

Indes macht auch die EU Druck im Kampf gegen Plastik: Sie will Wattestäbchen, Strohhalme und Einweggeschirr untersagen. Die Bundesregierung unterstützt den Vorschlag der EU-Kommission für ein Verbot. „Wir werden in Brüssel entschieden für ein Verbot von überflüssigem Einweg-Plastik eintreten“, sagte Umweltministerin Svenja Schulze (SPD). Doch vom EU-Ziel, wonach bis 2030 nur wiederverwertbare Materialien in Verpackungen zum Einsatz kommen sollen, sind Wissenschaft und Industrie noch weit entfernt: „In diesem Bereich gibt es noch viel Forschungsbedarf“, sagt Frauenhofer-Experte Sängerlaub.