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VW-Chef gibt Signal zum Angriff

VW-Chef Matthias Müller versuchte gestern, anlässlich der Vorlage der Bilanz 2015 Zuversicht zu verbreiten. Erstmals sitzt Karlheinz Blessing (Zweiter von links), der frühere Chef von Dillinger Hütte und Saarstahl, mit auf dem Podium. Er ist seit Januar VW-Personalvorstand. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
VW-Chef Matthias Müller versuchte gestern, anlässlich der Vorlage der Bilanz 2015 Zuversicht zu verbreiten. Erstmals sitzt Karlheinz Blessing (Zweiter von links), der frühere Chef von Dillinger Hütte und Saarstahl, mit auf dem Podium. Er ist seit Januar VW-Personalvorstand. Foto: Sebastian Gollnow/dpa FOTO: Sebastian Gollnow/dpa
Wolfsburg. Die Botschaft der VW-Obersten ist klar: Die monatelange Schockstarre der Abgas-Krise ist vorüber. Konzernchef Matthias Müller kündigt grundlegende Veränderungen an. So will er sich vom alten zentralistischen System verabschieden. Heiko Lossie,Marco Hadem,Felix Frieler (dpa)

Die Milliardenkosten und der Imageverlust durch "Dieselgate", juristische Risiken, dazu das streng hierarchische System der Vergangenheit - VW-Chef Matthias Müller muss an allen Fronten gleichzeitig kämpfen. Müller wählt die Flucht nach vorne - Angriff als Verteidigung. Bei der Vorlage der schlimmsten Bilanz der Konzerngeschichte gestern versucht er Aufbruchstimmung zu verbreiten: "Wir lassen uns von der Krise nicht lähmen." VW will bei wichtigen Themen wie Elektromobilität, Digitalisierung und neuen Dienstleistungen vorne mitmischen.

Um die Zeitenwende zu bewerkstelligen, muss auch ein neuer Führungsstil bei VW her. Müller will nun endgültig mit dem zentralistischen Führungsprinzip unter seinem Vorgänger Martin Winterkorn brechen. Europas Branchenprimus will künftig mehr denn je dezentraler arbeiten, Verantwortung delegieren, rascher agieren und mit Mut Neues wagen.

"Die Rekordjagd der vergangenen Jahre ist zumindest unterbrochen", räumt Müller ein. Aber: "Um es klar zu sagen: Mich bekümmert das nicht im Geringsten. Wir verfolgen in diesem Jahr eine andere Agenda - und justieren unsere Prioritäten neu." Neue Prioritäten, andere Agenda - der VW-Kompass ist nicht mehr richtig genordet. Statt immer neue Bestmarken auszurufen, sind die Töne nun leise, die Wolfsburger wollen sich schlicht "solide entwickeln". Zu der neuen Bescheidenheit sagte Müller: "Diese Jahresprognose ist nicht das "Höher - Schneller - Weiter", das Sie von Volkswagen kannten." Doch wenn es nicht mehr nur um Quantität geht, was ist dann die neue Qualität, die Müller will?



Den großen Wurf dazu will der Vorstandschef erst im Juni vorstellen, mit seiner Strategie 2025, die Winterkorns Strategie 2018 ablöst. Doch Müller ließ erste Eckpfeiler durchblicken. Einer davon: VW will für das Zukunftsfeld Mobilitätsdienstleistungen ein eigenes Tochterunternehmen gründen. Und sein zentrales Thema seit seinem Amtsantritt: Jeder soll sich verantwortlicher fürs große Ganze fühlen und über den Tellerrand schauen. "In der Vergangenheit wurde bei uns stark nach Funktionen gearbeitet: Die Entwicklung entwickelt, die Beschaffung beschafft, die Produktion produziert", sagte Müller. "Auch kleinere Entscheidungen wurden häufig vom Vorstand oder Vorstandsvorsitzenden selbst getroffen." Damit solle in Zukunft nun Schluss sein. Die Marken und sogar die einzelnen Baureihen sollen selber entscheiden und dann auch die Gesamtverantwortung tragen. Und Müller will VW zum "allumfassenden Mobilitätsdienstleister" umbauen. Dazu gehören: mehr Elektroautos, mehr Internet im Auto, mehr miteinander vernetzte Fahrzeuge, mehr individuelle Mobilität, mehr Geschäfte mit IT und Software - und am Horizont das Zukunftsthema autonomes Fahren. Bei einigen Trends hinkt VW hinterher, aber der Diesel-Skandal soll zur Chance werden, um die nötigen Reformen zu beschleunigen. Aus dem Silicon Valley hat sich Müller als neuen Digitalstrategen den früheren Apple-Manager Johann Jungwirth geholt - eine Schlüsselfigur.

Doch die milliardenteure Abgas-Krise bremst. Gut 16 Milliarden Euro hat VW dafür schon zurückgestellt. 2015 brachte unterm Strich einen Rekordverlust von 1,6 Milliarden Euro. Die Stimmung in Wolfsburg ist hochnervös. Es drohen Konflikte mit dem mächtigen Betriebsrat, denn längst geht es auch um die Arbeitsplätze. Mehr als 3000 Bürojobs im Bereich der 120 000 VW-Haustarifbeschäftigten sollen wegfallen, wenn auch sozialverträglich, etwa über Altersteilzeit.

Das Image von VW ist angekratzt, das räumt auch Müller ein. Aber der Vorstandschef will den Konzern endlich aus der Starre nach dem Abgas-Skandal befreien und in die Vorwärtsverteidigung gehen: "Wir werden kämpfen, um jeden Kunden und um jedes Auto."