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Tengelmann verkauft Supermärkte

Mülheim. Für Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub ist es eine der „schmerzlichsten Entscheidungen“ seines Lebens. Der Verkauf der verlustreichen Supermärkte beendet ein prägendes Kapitel der Firmengeschichte. dpa-MitarbeiterErich Reimann

Ein Stück Handelsgeschichte geht zu Ende. Mehr als 120 Jahre war Tengelmann eine Größe im deutschen Lebensmittelhandel. In den 1970er Jahren war das Unternehmen nach eigenen Angaben sogar für kurze Zeit die Nummer eins auf dem Markt. Doch der Glanz ist lange verblasst. Gestern kündigte Firmenchef Karl-Erivan Haub den Verkauf der letzten verbliebenen Kaiser's-Tengelmann-Supermärkte an den Konkurrenten Edeka an.

"Es ist eine der schmerzlichsten Entscheidungen, die ich in meinem Leben habe treffen müssen", sagte der geschäftsführende Gesellschafter des Familienunternehmens. Denn er habe das Einzelhandelsgeschäft quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Doch sehe er keine Alternative. Die Supermarktsparte schreibe seit 15 Jahren rote Zahlen. Alle Sanierungsbemühungen seien vergeblich gewesen. Geld verdient das 1867 gegründete Familienunternehmen , das einst als Kolonialwarengroßhändler begann, inzwischen längst abseits des Lebensmittelhandels: mit dem Textil-Discounter Kik und der Baumarktkette Obi. Auch im Online-Handel ist das Unternehmen aktiv.

Allerdings hätte das Familienunternehmen wohl kaum einen schlechteren Zeitpunkt für die Trennung vom Lebensmittelhandel wählen können. Denn das Bundeskartellamt hatte erst vor zwei Wochen seine Besorgnis über die massive Konzentration im deutschen Lebensmittelhandel zu Protokoll gegeben und Maßnahmen gegen eine weitere Verschlechterung der Wettbewerbsverhältnisse angekündigt.

Schließlich kommen die vier größten Lebensmittelhändler - Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe (Lidl , Kaufland ) - zusammen schon heute auf einen Marktanteil von rund 85 Prozent. Den geplanten Verkauf wird das Kartellamt deshalb intensiv prüfen.

Haub sieht das entspannt: Die Kaiser's-Tengelmann-Filialen kämen zusammen nur auf einen Marktanteil von gerade einmal 0,6 Prozent, rechnet er vor. "Das macht den Kohl nicht fett." Doch warnt er auch, wenn ein Verkauf nicht zustande komme, drohe im schlimmsten Fall das Aus für die 451 Filialen und fast 16 000 Arbeitsplätze.

Erschwert werden könnten die Pläne, weil sich Haub ausgerechnet Edeka als Käufer ausgesucht hat. Die Marktmacht der Hamburger ist in den Augen der Kartellwächter schon heute besorgniserregend.

Für den Handelsexperten Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg ist das Kartellamt denn auch die größte Hürde, die das Geschäft nehmen muss. "Wenn das Bundeskartellamt das erlaubt, hat es sich im Lebensmitteleinzelhandel selbst entmannt", sagt der Branchenkenner.