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Flüchtlinge als Gründer
Avesta Isso macht sich selbst zur Marke

Laufsteg Saarufer: Avesta Isso (rechts) und ihre Models präsentieren die verschiedenen Kleider der bisherigen Kollektion.
Laufsteg Saarufer: Avesta Isso (rechts) und ihre Models präsentieren die verschiedenen Kleider der bisherigen Kollektion. FOTO: Wladimir Werner
Saarbrücken. Sie ist vor vier Jahren aus Syrien ins Saarland gekommen. Jetzt will die Jung-Gründerin ihre eigene Mode per Online-Shop vermarkten. Von Joachim Wollschläger

Kleider, so sagt es Avesta Isso, seien schon immer ihre Leidenschaft gewesen. Bereits als Jugendliche habe sie in Syrien einen ganz eigenen Stil entwickelt: eine Mischung aus europäischen und arabischen Mode-Elementen. Und diesen Stil will sie nun als eigene Marke im eigenen Unternehmen auf den Markt bringen.

Wenn die 28-jährige Neu-Saarländerin über ihre Zukunft spricht, zeichnet sie einen klaren Weg vor: Anfang des kommenden Jahres wird sie mit ihrem Online-Shop starten. In fünf Jahren soll dann ihre Marke in Deutschland etabliert sein, sie wird einen eigenen Laden eröffnet und Kunden weit über die Region hinaus gewonnen haben. Isso weiß, was sie will. Und so, wie sie die Zukunft ausmalt, glaubt man ihr, dass sie diese Pläne auch umsetzen kann. Trotz widriger Umstände.

Denn leicht hat es das Schicksal der Jung-Unternehmerin nicht gemacht, die vor dem Krieg in Syrien fliehen musste. Dort hatte sie noch Englische Literatur studiert, hatte Praktika in Fernsehen und Radio gemacht, als Moderatorin ebenso gearbeitet wie später als Koordinatorin in einer Werbeagentur für die Stadt Erbil in der irakischen Region Kurdistan, in die sie als erste Station ihrer Flucht gekommen war.



Medien, Marketing – Isso hat viele Talente. Aber Mode, so sagt sie, liege ihr in den Genen. Die Mutter ist Schneiderin, hat ihr alles über Stoffe beigebracht, und auch, wie man welche Materialien kombinieren kann. Mode ist ihr Thema. Und ihre eigene Mode ihr Traum.

Nachdem Avesta Isso 2014 ins Saarland gekommen war, beschloss sie, den Traum zu verwirklichen. Seit weit über einem Jahr arbeitet sie an ihrem Unternehmen. Dabei war auch hier der Start holprig. Eineinhalb Jahre dauerte es, bis sie, ihre Mutter und ihre jüngere Schwester die Anerkennung als Flüchtlinge erhielten. Erst 2016 konnte sie dann im Studienkolleg an der Saarbrücker Uni einen Sprachkurs beginnen. Auch weiter zu studieren sei eine Option gewesen, sagt sie. Doch wegen der unterschiedlichen Systeme seien die Studiengänge in Syrien und Deutschland nicht vereinbar. Also doch Mode.

Den Impuls für die Selbstständigkeit bekam Isso dann durch das Projekt „Perspektive Neustart“, das Flüchtlinge ein Jahr lang auf die Unternehmensgründung vorbereitet. „Ich hatte bereits einen Business-Plan geschrieben, hatte meine Idee ausgearbeitet. Damit habe ich mich dann für das Projekt beworben“, sagt sie. Und war erfolgreich.

Perspektive Neustart, eine Initiative der HTW-Tochter Fitt und der Schöpflin-Stiftung, unterstützt Flüchtlinge auf ihrem Weg ins Unternehmertum. Mit fachbezogenen Sprachkursen, Seminaren in Marketing, Steuerlehre, Betriebswirtschaft und Buchführung werden Flüchtlinge ein Jahr lang fit gemacht für ihre eigenen Firma. „Das hat mir viel Selbstbewusstsein gegeben“, sagt Isso. „Früher hatte ich häufig Angst, Fehler zu machen.“

Nicht nur kaufmännisch bereitet Isso sich auf die Gründung vor. Seit mehr als einem Jahr arbeitet sie an ihrer eigenen Kollektion. Pro Monat ein Kleid, war ihre Devise. Sie hat Kontakte zu Designern und Nähwerkstätten in Deutschland, Italien, China und der Türkei aufgebaut, testet deren Qualität und die Zusammenarbeit bei der Umsetzung ihrer Entwürfe.

Wie das möglich ist, wenn man als Flüchtling von Hartz IV lebt? „Schwierig“, sagt Isso. „Das ist mein größtes Problem. Ich habe kein Kapital.“ Das Geld für ihre Modellkleider habe sie sich jeden Monat abgespart, zusätzlich im Rahmen der Möglichkeiten gejobbt. „Wenn ich das Geld hätte, könnte ich gleich loslegen.“

Doch im Februar soll es dann mit einem Online-Shop losgehen. Bis dahin macht Isso noch eine Ausbildung zur E-Commerce-Managerin. Auch ein Design-Studium an einer Fern-Uni in Frankreich oder Italien hat sie ins Auge gefasst. In dem Online-Shop werde sie dann nicht nur ihre Mode, sondern auch Marken beispielsweise aus der Türkei vertreiben, die hier noch nicht am Markt sind. Die Gespräche dazu liefen schon, sagt sie.

Das Marketing für ihre Mode macht Isso – ganz im Stil ihrer Generation – über die sozialen Medien. Über ihren eigenen Instagram-Account, per Facebook aber auch mit der Unterstützung von Influencern. Und sie hat keine Bedenken, dass sich ihre Kleider auch weit über das Saarland hinaus verkaufen werden. „Aus meiner Zeit als Moderatorin kenne ich noch viele Sänger und Schauspieler aus Syrien, mit denen ich in Kontakt bin.“ Auch den Markennamen für ihr Modelabel hat sie schon in Arbeit. Ursprünglich sollte es Avesta heißen, doch der Name ist schon durch andere Firmen blockiert. Jetzt könnte es am Ende auf „Avesta Isso“ hinauslaufen. „Das machen andere ja auch, dass sie ihren eigenen Namen als Marke nehmen“, sagt sie.