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Facebooks unstillbarer Hunger nach Daten

  Vorlieben, sexuelle Orientierung, Religiösität: Facebook will alles über seine Nutzer wissen und überwacht sie auch auf externen Seiten.
 Vorlieben, sexuelle Orientierung, Religiösität: Facebook will alles über seine Nutzer wissen und überwacht sie auch auf externen Seiten. FOTO: dpa / Niall Carson
Saarbrücken. Das Netzwerk zeigt, wie es seine Nutzer durchs Internet verfolgt. Die Stiftung Warentest kritisiert diese Datensammelwut in scharfer Form. Von Katharina Rolshausen

Die Datenverbindungen von Facebook reichen weit. Wie weit, das demonstriert die neue Funktion „Aktivitäten außerhalb von Facebook“ den Nutzern des Netzwerks. Sie zeigt, welche Daten Drittfirmen an den Internet-Riesen übermitteln und soll auch die Möglichkeit bieten, diese Transfers zu stoppen. Doch dieses Angebot erweise sich als illusorisch, kritisiert die Stiftung Warentest. Die Redaktion der Internetseite hat in einem Selbstversuch nachgeschaut, was Facebook alles über uns weiß.

Nach Angaben der Plattform
www.allfacebook.de nutzen in Deutschland 23 Millionen Menschen täglich Facebook und ich bin einer von ihnen. Ich scrolle mehrmals am Tag durch meinen Newsfeed, zuhause am PC, unterwegs in der Straßenbahn, manchmal sogar abends im Bett. Über vieles wische oder blättere ich schnell hinweg, aber wenn mir surrealistische Kunst, niveauvolle Wortspiele, tiefsinnige Comics und Fotos von perfekt ausbalancierten Steinpyramiden angezeigt werden, freue ich mich. Dass das nicht öfter passiert, könnte daran liegen, dass ich mit meinen „Gefällt-mir-Angaben“ zurückhaltend bin – oder an meinen Online-Aktivitäten außerhalb von Facebook. Das soziale Netzwerk zeigt offenkundig großes Interesse an den Datenspuren, die ich in der weiten Welt des Internets hinterlasse.



Die Stiftung Warentest spricht in diesem Zusammenhang von „Datenhunger“. Facebook sammle Hinweise zur politischen Einstellung, dem Alter, der sexuellen Präferenz, der Jobsituation, zum Wohnort, zu Interessen, dem Gesundheitszustand, der finanziellen Situation und der Religiosität seiner Nutzer. Hunderte Webseiten und Apps können als Datenlieferanten agieren.

Ob ich diese nutze, lässt sich mit wenigen Klicks herausfinden. Über „Einstellungen“, „Deine Facebook-Informationen“ und „Aktivitäten außerhalb von Facebook“ gelange ich zu einer kurzen Liste mit Apps, die ich häufig nutze, und Webseiten, die ich regelmäßig besuche. Eine Frauenzeitschrift ist darunter, ein Kunstportal und ein Wissensquiz, das ich hin und wieder mit meinem Sohn spiele.

Ich will es genauer wissen und klicke auf „Deine Aktivitäten außerhalb von Facebook verwalten“. Das Passwort-Eingabefeld ploppt auf. Das Ergebnis überrascht mich: „Diese 308 Apps und Webseiten haben Informationen zu deinen Aktivitäten mit Facebook geteilt.“ Außerdem erfahre ich, dass weitere Internetseiten „möglicherweise nicht angezeigt werden“. Die Liste enthält unter anderem einen Anbieter für Küchenutensilien, ein Immobilienportal, mehrere Nachrichtenseiten, einen Gastroblog und viele Adressen, die mich an vergangene Reisen erinnern, bei denen ich nach Infos am Urlaubsort gesucht habe.

Was macht Facebook aus diesem Puzzle, das aus 308 sichtbaren und einer unbekannten Anzahl nicht sichtbarer Teile besteht? Es erstellt daraus ein möglichst genaues Konsumentenprofil, ich werde zur potentiellen Kundin, mit der sich Geld verdienen lässt. Das gibt Facebook auch offen zu: „Wir können dir relevantere Werbung zeigen und neue Produkte und Services vorstellen“, steht in den Informationen zu dieser Funktion. Und: „Wir können Facebook für dich persönlicher gestalten und dir Dinge vorschlagen, die dich interessieren könnten.“ Zum Beispiel könnten mir Hotelangebote angezeigt werden, nachdem ich Reiseportale besucht habe, oder Sportveranstaltungen, weil ich online Sportbekleidung gekauft habe. Will ich das nicht mehr, gibt es die Möglichkeit „Künftige Aktivitäten verwalten“ anzuklicken und die Funktion abzustellen.

Das ändere aber kaum etwas an der Sammelwut des Unternehmens, warnt Stiftung Warentest. Meine Daten würden dann zwar nicht mehr mit meinem Facebook-Profil verknüpft, aber weiterhin in anonymisierter Form verwendet. Die Verbraucherschützer warnen, dass es laut einigen Studien leicht möglich sei, die Daten wieder einer Person zuzuordnen.

Auch die Möglichkeit, den angezeigten Verlauf zu entfernen, also alle Daten der aufgeführten Drittseiten, bringt wenig: Zwar sind diese dann in meinem Facebook-Profil nicht mehr ersichtlich, aber auf den Servern bleiben sie weiter gespeichert, erklärt die Stiftung Warentest.

Die Anzahl der Werbeanzeigen ändere sich dadurch nicht, nur werden diese dann nicht mehr so sehr an meine Interessen angepasst. Selbst das Löschen meines Facebook-Profils führe nicht zum Ziel. Auch dann könne das soziale Netz­werk dank seiner diversen Tracking-Tools noch einen Teil des Surf-Verhaltens nach­voll­ziehen, schreibt Warentest und erklärt zusammenfassend: „Die Angebote von Facebook, die Verfolgung mit einigen Klicks unterbinden zu können, erweisen sich als illusorisch.“

www.test.de/Neue-Datenschutz-Funktion-Facebook-zeigt-wie-es-Nutzer-im-Internet-verfolgt

 Facebook-Nutzer können sich in den Einstellungen anzeigen lassen, welche Apps und Webseiten Informationen an Facebook senden.
Facebook-Nutzer können sich in den Einstellungen anzeigen lassen, welche Apps und Webseiten Informationen an Facebook senden. FOTO: Becker