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Dramatischer Rückgang
Der langsame Tod der Dorfkneipe

  Ausgezapft: Wenn es so weitergeht, könnte 2034 die letzte Dorfkneipe in Deutschland den Hahn endgültig zudrehen.
Ausgezapft: Wenn es so weitergeht, könnte 2034 die letzte Dorfkneipe in Deutschland den Hahn endgültig zudrehen. FOTO: Getty Images/ iStockphoto / gilaxia
Berlin. Seit Ende der 90er ist die Zahl der Gaststätten in Deutschland dramatisch geschrumpft. Von Hagen Strauss und Fatima Abbas

Maik Escherhaus wollte sich mit dem Aus seiner Lieblingskneipe nicht abfinden. „Ich kann es nicht akzeptieren, dass wir diesen Mittelpunkt verlieren“, sagt der 40-jährige Mann, der mit seiner Frau und zwei Söhnen im niedersächsischen Dorf Handorf-Langenberg lebt. Als klar war, dass es für das letzte im Ortsteil verbliebene Gasthaus „Zum Schanko“ keinen Nachfolger geben würde, startete er vergangenes Jahr mit zwei anderen Männern eine Aktion: die Gründung einer Genossenschaft, um das Haus zu kaufen und über einen Pächter weiter zu betreiben. Dafür begannen die Dorfbewohner eifrig Geld zu sammeln.

Solche Initiativen, um Gasthäuser auf dem Land zu retten, gibt es bundesweit. Sie sind auch bitternötig: Wenn es so weiter geht, wird es in 15 Jahren wohl keine traditionsreichen Wirtshäuser mehr im ländlichen Raum und den Randbezirken der Städte geben. Verbände machen nun dagegen mobil.

Die Zahlen, die der „Bundesverband der Regionalbewegungen“ ermittelt hat, sind alarmierend: 1998 gab es noch über 53 000 Schankwirtschaften, 2017 waren es nur noch rund 30 100. Lasse sich die Entwicklung nicht stoppen, so Verbandschef Heiner Sindel, werde das letzte Wirtshaus im Jahr 2034 den Zapfhahn umdrehen und seine Pforten schließen. Sindels Verband vertritt über 300 Unternehmen und Regionalvermarktungsinitiativen bundesweit, die sich vor allem für die Stärkung des ländlichen Raumes und die regionale Wirtschaft einsetzen.



Am 18. September soll in Berlin vor dem Brandenburger Tor mit einer großen Protestaktion auf das Aussterben kleiner Nahversorger hingewiesen werden. Auf der „roten Liste“ des Verbandes finden sich auch Bäcker und Fleischer. Bäckerhandwerksbetriebe würden auf der Grundlage der erhobenen Zahlen bis 2039 und Fleischereien im Jahr 2037 von der Bildfläche verschwunden sein.

Am dramatischsten sei aber der Rückgang bei den Wirtshäusern, so Sindel. Ohne die Betriebe gebe es jedoch „keine regionalen Produkte, keine Verkaufsstellen und regionalen Einkehrmöglichkeiten“. Das verstärke nur das vielfach bereits vorhandene Gefühl im ländlichen Raum, abgehängt zu sein. Es müsse daher ein Umdenken stattfinden und die Förderung kleiner Handwerksbetriebe durch ein „Bundesprogramm Regionale Wertschöpfung“ gesichert werden.

Bayern hat inzwischen eine Initiative gegen das Kneipensterben auf dem Land gestartet. Es soll Fördergelder geben für den Erhalt von Gasthöfen. Auch der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) beklagt ein Wirtshaussterben auf dem Lande sowie das Verschwinden klassischer Restaurants aus den Innenstadtlagen. Deswegen müsse die Wettbewerbsfähigkeit der arbeitsintensiven Gastronomie dringend gestärkt werden – zum Beispiel durch eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen in Gaststätten.

Nach Ansicht des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) besteht eine große Herausforderung für die Betriebe in ländlichen Regionen darin, Nachwuchs und Fachkräfte zu finden. Das bekommen auch traditionsreiche Wirtshäuser zu spüren. Grundvoraussetzung für den Erhalt der Betriebe sei daher vor allem eine Steigerung der Attraktivität der ländlichen Standorte, so Ilja Nothnagel, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des DIHK.

Die Geschichte der Kneipe „Zum Schanko“ in Niedersachsen ist ein kleiner Hoffnungsschimmer. Das einst vor dem Aus stehende Gasthaus gehört längst der Dorfgemeinschaft, die Bewohner von Handorf-Langenberg sammelten innerhalb von nur sechs Wochen 200 000 Euro, um das Wirtshaus zu kaufen. Mittlerweile ist es häufig ausgebucht – was ohne den besonderen Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft wohl unmöglich gewesen wäre.