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Wie die Schweizer Bahn besonders viele Kunden gewinnt
Warum so viele Schweizer den Zug nutzen

  Eine der schönsten Bahnstrecken in der Schweiz ist die von Luzern nach Interlaken, hier am Lungernsee.
Eine der schönsten Bahnstrecken in der Schweiz ist die von Luzern nach Interlaken, hier am Lungernsee. FOTO: © Swiss Travel System AG / © Swiss Travel System AG/Jonathan Heyer
Zürich. Die Schweizer Bahn ist weltweit die Beste bei Pünktlichkeit und garantierten Anschlüssen, sagt der Chef der Swiss Travel System AG. Von Thomas Sponticcia

Die Schweizer Bahn mit ihrer Pünktlichkeit, garantierten Anschlüssen, überschaubaren Tarifen und einer besonderen Sauberkeit gilt weltweit als positives Beispiel. Wie stellen die Schweizer diesen Erfolg sicher? Darüber sprachen wir mit Maurus Lauber, Chef der Swiss Travel System AG. Darin sind neben der Schweizer Bahn SBB rund 250 weitere Verkehrsunternehmen des Landes zusammengeschlossen.

Das Schweizer Nahverkehrssystem mit Bahn und Bus hat den Ruf, einmalig zu sein und besonders gut. Woran liegt das?

LAUBER Es ist aus meiner Sicht wirklich einzigartig in der Welt. Die Schweiz bietet das dichteste Netz an Fahrmöglichkeiten zu festen Taktzeiten fast rund um die Uhr in der gesamten Schweiz. Auch besteht die Möglichkeit, alle Züge, Busse, Schiffe und auch Bergbahnen mit nur einem Ticket zu nutzen. Deshalb nutzen die meisten Schweizer Abonnemente (Zeitkarten), mit denen man, je nach Ticketart, im ganzen Land alle Verkehrsmittel beliebig oft nutzen kann. Sie haben zudem jederzeit Anschluss. Das heißt: Fernzug wartet auf Fernzug, Nahverkehrszüge auf Fernverkehrszüge und Busse auf Züge. Im Normalfall fährt kein Bus ab, ohne dass zuvor der Anschlusszug angekommen ist. Das gilt zugleich für Schiffe und Bergbahnen. Sollten Sie dennoch mal einen Zug verpassen, fährt der nächste verlässlich eine halbe oder spätestens eine Stunde später. Auch nachts sind die wichtigsten Städte und Orte miteinander verbunden. Die Schweiz hat als erstes Land überhaupt einen komplett integrierten Taktfahrplan aller Verkehrsmittel eingeführt.



Die Schweizer stehen ganz offensichtlich geschlossen hinter ihrem Fern- und Nahverkehrssystem. Wie erklärt sich dieser große Rückhalt?

LAUBER Das hat vor allem ökonomische Gründe. Unser kleines Land und unsere Städte haben zu wenig Platz für viel Autoverkehr. Oberstes politisches Ziel ist es deshalb, die Menschen möglichst schnell an jeden Ort zu bringen, ohne dass sie das Auto benutzen müssen. Die Schweizer wissen den engen Taktverkehr und die schnelle Erreichbarkeit nahezu aller Orte sehr zu schätzen. In den Volksabstimmungen der vergangenen 30 Jahre hat die Bevölkerung allen geplanten Eisenbahnprojekten und Verbesserungen im öffentlichen Nahverkehr immer zugestimmt. Die Politik hält sich auf allen Ebenen an diese Entscheidungen und setzt sie um. Ein Projekt wird auch dann nicht mehr gestoppt oder in Frage gestellt, wenn einmal die Regierung wechselt.

Dennoch ist der im Vergleich zu anderen Ländern besonders große Rückhalt in der Schweizer Bevölkerung zu ihrem Nah- und Fernverkehrssystem schon erstaunlich.

LAUBER Der Schweizer wird schon von Kind an mit Bus und Bahn groß. Er fährt damit zur Schule, zum Studium und zu vielen Freizeitaktivitäten. Alles ist schnell erreichbar. Bus und Bahn gehören ganz selbstverständlich zum Leben des Schweizers. 95 Prozent wohnen innerhalb von fünf Minuten zur nächsten Haltestelle. Auch Spitzenpolitiker, die zu Sitzungen in das Parlament nach Bern fahren, trifft man regelmäßig im Zug oder in der Straßenbahn an.

Für das Schweizer Verkehrssystem sprechen wohl auch die übersichtlichen Tarife.

LAUBER Als ausländischer Besucher nutzt man am besten den Swiss Travel Pass, mit dem man mehrere Tage lang jedes Verkehrsmittel beliebig oft nutzen kann. Die Einführung dieses Passes hat zu deutlich steigenden Zahlen im Tourismus geführt. Er ist für uns der Schlüssel zum Erfolg. 2011 nahmen wir mit dem Swiss Travel Pass 65 Millionen Schweizer Franken ein, das sind rund 57 Millionen Euro. 2019 haben sich die Einnahmen schon mehr als verdoppelt, obwohl die Anzahl der Logiernächte von ausländischen Gästen fast gleich blieb.

Auch die Sauberkeit der Züge fällt auf. Selbst viele, die jahrelang im Einsatz sind, sehen aus wie neu.

LAUBER Das hören wir gerne. Die Schweizer Bahnen haben einen Slogan: Unterwegs zu Hause. Wir wollen, dass man sich unterwegs so wohl fühlt wie im Wohnzimmer. Dazu gehört, dass man sich entsprechend benimmt. Der Schweizer legt großen Wert auf Sauberkeit: egal wo. Auch entlang der Straßen sehen Sie so gut wie keinen Dreck. Unsere Gärten und Orte sind gepflegt.

Wo kommt dieser Respekt her?

LAUBER Man hat Respekt gegenüber den Räumen, wo man sich aufhält. Auch die Verkehrsunternehmen legen großen Wert darauf, dass die Züge, Busse, Schiffe und Bergbahnen sauber bleiben. Sonst kommt der Kunde nicht. Es gibt aber auch eine sehr wirksame psychologische Methode, wie man die Sauberkeit in den Zügen stärkt.

Und die wäre?

LAUBER Die Schweizer Bahnen reinigen die Züge unterwegs im laufenden Betrieb. Wenn die Reisenden sehen, dass da jemand reinigt, hat man selbst ein schlechtes Gewissen, wenn man etwas liegen lässt. Dieses System zeigt bei uns große Wirkung.

Die Schweizer nutzen auch stark Internet und Apps, wenn es um ihre Zugfahrt geht.

LAUBER An den Schalter muss niemand mehr gehen. Man lädt die App sbb.mobile.ch runter und hat alles sofort greifbar: die Strecke, die nächsten Verbindungen, alle Haltepunkte, die Wagenreihenfolge, eventuelle Verspätungen und Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke. Man kann das Ticket sofort online kaufen und direkt losfahren. Es gibt keine Wartezeiten.

All diese Leistungen kosten auch viel Geld. Wie finanziert sich das Schweizer Verkehrsnetz?

LAUBER Es kommen Einnahmen aus dem Bahnverkehr, der Immobiliengesellschaft des Schweizer-Bahn-Konzerns, Bundesmittel, Einnahmen aus der Mehrwert- und Mineralölsteuer sowie Beiträge aus den 26 Kantonen.

Wie teilen sich diese Mittel auf?

LAUBER Zum Erhalt und Ausbau des Bahnnetzes trugen die Fahrgäste 2018 über den Ticketverkauf 1,4 Milliarden Schweizer Franken bei (1,2 Milliarden Euro). Die Schweizer Bahn steuert 150 Millionen Franken (138 Millionen Euro) bei. Hinzu kommen ein Bahn-Infrastrukturfonds mit 2,6 Milliarden Schweizer Franken (2,3 Milliarden Euro) sowie ein Infrastrukturfonds mit 15 Millionen Schweizer Franken (13,3 Millionen Euro). Letzterer dient vor allem zum Ausbau von Autobahnen. Das Parlament beschließt, wie viel Geld in Betrieb, Erhalt und Erneuerung der Bahnstrecken investiert wird, eine Umsetzungsvereinbarung regelt Höhe, Einzelbeträge und Dauer der Maßnahmen.

Was macht den Löwenanteil der Ausgaben aus?

LAUBER Mit 1,6 Milliarden Franken (1,42 Milliarden Euro) werden jährlich Strecken erneuert, 750 Millionen Franken (668 Millionen Euro) fließen in den Unterhalt der Strecken, 900 Millionen Franken (802 Millionen Euro) in Betriebsausgaben.

Was können die Deutschen von den Schweizer Erfahrungen lernen, damit deutlich mehr Menschen Bahn und Bus nutzen?

LAUBER Junge Menschen fordern heute eine andere Mobilität. Viele brauchen kein Auto mehr als Statussymbol. Sie wollen möglichst schnell und komfortabel von A nach B. Verkehrsunternehmen wie die Bahn sollten deshalb deutlich mehr auf Mobilitätsketten setzen. Sie buchen nur noch eine Reise und müssen sich um nichts mehr kümmern. Sie werden daheim mit dem Auto abgeholt, fahren bis zum nächsten Bahnhof und dann mit dem Zug an den Zielort, wo schon das Auto zur Weiterfahrt wartet. Auch das Hotel ist in der Reisebuchung enthalten. Wenn dann noch bundesweit übersichtliche, günstige Tarife kommen und nicht jede Stadt ihre eigene Tarife hat, dann ist schon sehr viel gewonnen.

 Manche Strecken findet Maurus Lauber so schön, dass er im Zug nicht arbeiten will.
Manche Strecken findet Maurus Lauber so schön, dass er im Zug nicht arbeiten will. FOTO: Schweizer Bahn