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Festival Perspectives
Kamasutratralala – oder Sex als ambitionierte Dehnungsübung

 Wer das ohne Bandscheibenvorfall schafft, erreicht vielleicht das Nirvana: Das Duo Delgado/Fuchs beim Festival Perspectives.
Wer das ohne Bandscheibenvorfall schafft, erreicht vielleicht das Nirvana: Das Duo Delgado/Fuchs beim Festival Perspectives. FOTO: Alex Yocu
Saarbrücken. Zwischen großartig und „geht so“ vergeht beim Festival Perspectives manchmal bloß eine Stunde. Ein Blick auf „Nirvana“ und „Dru“ Von Oliver Schwambach

Manchmal wirkt ja Humor mit Retard-Effekt am stärksten. Wenn man plötzlich loslacht, obwohl das Theater längst vorbei, das Bühnenlicht schon Stunden aus ist. Beim Doppel Delgado/Fuchs (diese intime Produktion namens „Nirvana“ präsentierte das Festival Perspectives am Samstagabend im fast schon privaten Rahmen der Saarbrücker Kettenfabrik) ist das so. Plötzlich fällt einem wieder ein, wie blasiert Tanzakrobatin Nadine Fuchs schaute, als sie sich ihrem Bühnenpartner Marco Delgado näherte. Quasi nackt sind sie dabei beide, zwei begnadete Körper. Jeder eine Sinfonie aus Muskeln, Sehnen und idealen Proportionen. Aber auch er guckt dabei so gelangweilt, als würde sie sich nicht aufreizend um seine Hüfte schlingen, sondern ihm die Fußnägel feilen.

Gut, es braucht schon Zeit, bis man überhaupt ans Lächeln denkt bei diesem in der Schweiz beheimateten Performance-Doppel. Vielleicht meinen sie es ja doch ernst? Und auch wenn das Ganze eine schnelle Nummer bleibt – gerade mal eine halbe Stunde – zerdehnen beide die Minuten. Er postiert erst akribisch Kerzen im Raum. Wobei sich auch das als Retorten-Romantik entlarvt; die Kerzen flackern elektrisch. Dann sampeln sie sich in aller Gemütsruhe ihren Erotiksound und streifen sich auch noch abtörnend umständlich transparente Latexhöschen über. Um dann in diesen Halbkörperkondomen ein Best of Kamasutra zu posen. Anmutig, solange die Blicke auf den Körpern haften, entlarvend, schaut man in die jede Erotik konterkarierende Mimik von Fuchs und Delgado. Doch dieser Kontrast nutzt sich leider deutlich schneller ab, als 30 Minuten dauern. So kann man daraus mit viel Wohlwollen eine kritische Auseinandersetzung mit heutigem Körperkult, der Pornographiesierung der Gesellschaft ablesen, wie es das Programmblatt vorschreibt. Man kann es aber auch einfach nur erheiternd finden. Genial oder trivial? Letzteres wohl eher.

Rund 50 Zuschauer hatten in der Kettenfabrik Platz. Und fast alle von ihnen sind auch in der Alten Feuerwache bei „Dru“ von der Compagnie „La Lune“ ein Stündchen später wieder dabei. Perspectives-Zuschauer sind eben überzeugte Mehrfachtäter.



„Dru“ ist der Erstling, das erste größere Programm der jungen Artistinnen Anna le Bozec und Samantha Lopez, die sich in der Genfer Zirkusschule kennenlernten. Und was für ein großartiges Debüt zeigen beide! In der Feuerwache hängen nur zwei Trapeze, mehr brauchen sie nicht. Le Bozec und Lopez marschieren hinein, in groben Klamotten und derben Schuhen – wie Arbeiterinnen, wie Soldatinnen fast. Und strecken ihre Hände vor. Auch in der Zuschauerreihe lassen sich die Schwielen daran wohl nur ahnen, jene Schwielen, die von der enormen Anstrengung, dem immer wieder neuen Versuchen und Trainieren künden.

Im Kern erweist sich „Dru“ als Essay über das Durchhalten und Nicht-Aufgeben. Denn dieses Leitmotiv spielen Le Bozec und Lopez in immer neuen Variationen durch. Wenn sie etwa an die parallel hängenden Trapezstangen springen. Einmal, zweimal, dreimal – leicht dürfte das noch sein. Doch immer wieder federn sie hoch, sich dabei anfeuernd, konkurrierend, bis die Köpfe rot sind, der Atem schwer. Manchmal sind sie wie Kinder, die ein neues Spielzeug entdecken, es ohne all diese Erwachsenenbefürchtungen ausprobieren; sie toben sich juchzend aus. Und die eine lässt sich rücklings aus der Höhe auf die Sprungmatte krachen. In blindem, kindlichem Vertrauen.

Mit der anderen dagegen klettert auch die Angst hoch aufs Trapez. Wie bei jemandem, der mit einem Satz vom Zehnmeter-Turm endlich seine Furcht wegspringen will. Sie schwankt, sie wankt, hält mit bebenden Beinen quälend lange die Balance. Was für ein Kraftakt muss das sein, dieses Zaudern auf dem Trapez zu spielen! Der Fall – er bleibt aus, weil auch das Menschliche, das Scheitern, Teil von „Dru“ ist. Auch wenn den beiden Artistinnen genau das ja erspart bleibt. Sie gewinnen das Publikum ganz und gar.