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Vor Krisentreffen
Rufe nach tiefgreifender Bahn-Reform werden lauter

 Der frühere Finanzvorstand Richard Lutz soll die Bahn auf Vordermann bringen.
Der frühere Finanzvorstand Richard Lutz soll die Bahn auf Vordermann bringen. FOTO: dpa / Britta Pedersen
Berlin. Vor dem mit Spannung erwarteten morgigen Krisentreffen der Bahn-Spitze mit Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) werden die Forderungen nach tiefgreifenden Veränderungen bei dem Logistikkonzern lauter. dpa

Die Gewerkschaft EVG sprach sich für einen radikalen Umbau aus. Auch aus der Politik kamen Rufe nach Veränderungen.

Der „Bild am Sonntag“ zufolge soll Infrastruktur-Vorstand Ronald Pofalla als konzernübergreifender Krisenmanager bis zum Sommer die Probleme bei der Bahn in den Griff bekommen. Darauf hätten sich Bahn-Chef Richard Lutz und der ehemalige Kanzleramtschef Pofalla geeinigt. Nach „Handelsblatt“-Informationen aus Konzernkreisen plant Lutz zudem eine Reform des Vorstands und den Komplettverkauf der Auslandstochter Arriva. Über die Arriva-Pläne hatte auch die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet. Die Bahn lehnte gestern eine Stellungnahme zu den Berichten ab.

Lutz und seine Vorstandskollegen kämpfen an mehreren Fronten: Unter anderem geht es darum, die verschlechterte Pünktlichkeit zu erhöhen und mehr Verkehr auf die Schiene zu holen. Probleme bereitet auch das kriselnde Gütergeschäft. Andererseits fährt das Unternehmen seit Jahren Rekorde bei den Fahrgastzahlen ein.



Als Weg aus der Krise sieht der Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) und stellvertretende Bahn-Aufsichtsratschef Alexander Kirchner nur einen weitreichenden Umbau des Unternehmens: „Die DB AG wird in der heutigen Form nicht überlebensfähig sein“, sagt Kirchner. „Nur Vorstände auszutauschen, reicht nicht“, sagte er. Fehler im System müssten beseitigt werden. Es sei auch mehr Geld vom Bund als Bahn-Eigentümer nötig.

Verkehrsminister Scheuer erwartet nach Aussage eines Sprechers, dass sich die Qualität bei der Bahn „schon im laufenden Halbjahr spürbar verbessert“. Es gehe vor allem um Pünktlichkeit und darum, dass ICE-Züge zu häufig in Wartungshallen seien. „Es muss sich also insgesamt für die Kunden spürbar etwas verbessern, und zwar zügig“, sagte der Sprecher. Auch der Güterverkehr sei ein großes Thema: „Wir sind in einer wirtschaftlich hervorragenden Lage. Da kann es nicht sein, dass die Sparte des Güterverkehrs bei der Bahn so stark schwächelt.“

Lutz zeigte sich zuversichtlich, „dass wir im ersten Halbjahr dieses Jahres Schritt für Schritt besser werden“. Mit dem Aufsichtsrat sei für 2019 ein Pünktlichkeitsziel im Fernverkehr von 76,5 Prozent vereinbart worden, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Dies wäre allerdings nur eine leichte Verbesserung.

Im vergangenen Jahr war jeder vierte Fernzug der Deutschen Bahn verspätet gewesen. Im Jahresdurchschnitt erreichten nur 74,9 Prozent der ICE, Intercitys und Eurocitys ihre Ziele pünktlich.

Angesichts fehlender Milliarden sind auch Anteilsverkäufe im Gespräch, um den wachsenden Finanzbedarf für mehr Züge und Personal zu decken. Dazu gehört eine mögliche Veräußerung der Auslandstochter Arriva, in der das Geschäft mit Bussen und Nahverkehrszügen im Ausland gebündelt ist.

Spekuliert wird auch immer wieder über den Verkauf der international tätigen Logistiktochter DB Schenker. Rund ein Drittel der 330 000 DB-Mitarbeiter ist inzwischen im Ausland tätig. Der Konzern ist mit knapp 20 Milliarden Euro verschuldet.

Die bisher im Bundeshaushalt bewilligten Summen reichen laut Kirchner nicht einmal, um die vorhandene Infrastruktur zu erhalten. Der Investitionsstau betrage rund 50 Milliarden Euro.

Neue Köpfe im Vorstand lösen aus Kirchners Sicht nicht zwangsläufig die aktuellen Probleme, „wenn nicht die tiefgreifenden Probleme angegangen werden.“ Die Strukturen im Unternehmen müssten flacher und schlanker werden. Es gebe zu viele Hierarchien mit einem viel zu großen Wasserkopf.