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Binnenschifffahrt leidet
Industrie stöhnt über Rhein-Tiefststand

Am BASF-Standort Ludwigshafen werden 40 Prozent der Güter per Schiff. transportiert. Wegen des Rheinpegels könnte es nun zu Lieferengpässen kommen.
Am BASF-Standort Ludwigshafen werden 40 Prozent der Güter per Schiff. transportiert. Wegen des Rheinpegels könnte es nun zu Lieferengpässen kommen. FOTO: dpa / Uwe Anspach
Ludwigshafen . Schon seit einem halben Jahr regnet es kaum am Mittelrhein. Der Wasserstand sinkt und sinkt. Unternehmer und Logistiker müssen umdenken. Es gibt Umsatzverluste und Profiteure.

Das extreme Niedrigwasser des Rheins nervt Schifffahrt und Industrie immer mehr. „Seit dem Kauber Pegelstand von 40 Zentimetern erreichen drei Viertel unserer Flotte nicht mehr die Häfen Amsterdam und Antwerpen“, sagt der Geschäftsführer der Contargo Rhein-Neckar GmbH, Andreas Roer, am gestrigen Donnerstag in Ludwigshafen. Das Logistikunternehmen mit international 24 Standorten habe daher eine Landbrücke von Wörth und Ludwigshafen bis Emmerich in Nordrhein-Westfalen eingerichtet: „Diese Strecke fahren wir jetzt mit Lkw statt mit Schiffen.“ Erst in Emmerich werde die Fracht für Amsterdam und Antwerpen auf Rheinschiffe verladen.

Der Chemieriese BASF muss seine Produktion in Ludwigshafen schrittweise anpassen. „Beim aktuellen Pegelstand kann Ludwigshafen nur noch von wenigen Schiffen angefahren werden“, sagt eine Sprecherin. Auch nach einer Verlagerung etwa auf Zug oder Lastwagen werde die Versorgung mit einigen wichtigen Rohstoffen dadurch eingeschränkt.

„In Einzelfällen kann es bei Andauern der aktuellen Wetterlage zu Lieferengpässen kommen“, teilt der Chemieriese mit. Bisher konnte der Binnenschifftransport demnach durch den Einsatz einer größeren Anzahl an Schiffen aufrechterhalten werden. BASF transportiert am Standort Ludwigshafen rund 40 Prozent der Güter per Binnenschiff.



Am Pegel Kaub, der für den Mittelrhein wichtig ist, ist in der Nacht auf Donnerstag der bisherige Rekordwert von 35 Zentimetern des Hitzejahres 2003 unterschritten worden. Die Fahrrinne ist hier damit nur noch rund 1,50 Meter tief. Logistik-Manager Roer sagt: „Und es geht ja weiter. Für Sonntag sind am Pegel Kaub nur noch 22 Zentimeter vorhergesagt.“

In der Vorhersage des Deutschen Wetterdienstes für Rheinland-Pfalz findet sich für die kommenden Tage immer wieder das Wort „niederschlagsfrei“ – der goldene Oktober geht weiter und weiter. Roer sagt: „In meiner Brust schlagen zwei Herzen. Ich sitze gerne mit meiner Frau auf der Terrasse und genieße das schöne Wetter – aber geschäftlich wünsche ich mir drei Wochen Regen.“

Der Logistiker ergänzt, Contargo könne Frachtschiffe im Welterbe Oberes Mittelrheintal oft nur noch zu weniger als 20 Prozent beladen. „Wir sind auf Koppelverbände ausgewichen.“ Das sind mit bis zu drei Schubleichtern verbundene Motorschiffe. „Das geht aber auch nicht mehr, weil bei dem wenigen Wasser Koppelverbände nicht mehr aneinander vorbeikommen. Deswegen wäre hier auch eine Rheinvertiefung keine Lösung“, erläutert Roer.

All dies treibt die Frachtpreise kräftig nach oben. Speditionen mit Lastwagen und Bahnunternehmen profitieren: „Sie steigern ihre Preise, das Angebot ist verknappt“, sagt Roer. Manche seiner Kunden warteten daher lieber auf einen höheren Wasserstand im Rhein. „Anderen ist es egal. Da ist alles dabei.“

Unterdessen geben immer mehr Rheinfähren auf. „Wir haben heute Morgen um 10 Uhr den Betrieb eingestellt“, sagt einer der Betreiber der Kauber Fähre, Henk Erlenbach, gestern. „Es geht ja nicht nur um die Fähre, sondern auch um die Sicherheit der Gäste, falls einer der zwei Antriebe ausfällt.“

An verregneten Oktobertagen würde ihn das weniger schmerzen. „Aber bei diesem schönen Wetter mit so vielen Leuten unterwegs ärgert mich das extrem.“ Jeden Tag gehe nun Umsatz flöten – genaue Summen will Erlenbach nicht nennen.

Die Verbindung zwischen Ingelheim und Oestrich-Winkel stellt nach seinen Worten inzwischen eine Flachfähre sicher, die gewöhnlich zwischen Niederheimbach und Lorch verkehrt – und nun dort fehlt. „Die hat unten keinen Antrieb. Die saugt Wasser an, verdichtet es und drückt es wieder raus, wie bei einem Jetski“, erklärt Erlenbach.

Auch die Schifffahrtsgesellschaft Köln-Düsseldorfer (KD) hat bei ihrem Liniendienst auf dem Mittelrhein das Saisonende bereits am vergangenen Montag eingeläutet – etwa eine Woche früher als geplant. „Die Ausfälle kann man noch nicht beziffern, die Zahlen liegen noch nicht vor“, sagt KD-Sprecherin Nicole Becker. Richtig beklagen mag sie sich nicht: „Der schöne Sommer hat uns ja viele Gäste beschert.“ Sicherlich mehr als in der verregneten Vorjahressaison.