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Finanzaffäre
Renault-Nissan-Chef sitzt in Haft

Nissan will Carlos Ghosn feuern. Ob er seinen Posten bei Renault verliert, ist offen.
Nissan will Carlos Ghosn feuern. Ob er seinen Posten bei Renault verliert, ist offen. FOTO: AP / Michel Euler
Tokio/Boulogne-Billancourt. Automanager Carlos Ghosn steht wegen einer Finanzaffäre schwer unter Beschuss. Von Marco Engemann

Schwere Vorwürfe gegen Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn stürzen die französisch-japanische Auto-Allianz überraschend in eine tiefe Krise. Wegen mutmaßlichen Fehlverhaltens rund um Offenlegungspflichten der Tokioter Börse soll einer der mächtigsten Spitzenmanager der Branche zumindest in Japan abtreten. Japanische Behörden verhafteten gestern den 64-Jährigen. 

Die Vorhaltungen sind kein Kavaliersdelikt: Ghosn und ein weiterer Manager sollen ihre Geldbezüge in offiziellen Berichten an die japanische Börse falsch dargestellt und in Ghosns Fall zu niedrig beziffert haben, wie Nissan mitteilte. Monatelang gingen Nissan-Mitarbeiter vertraulichen Hinweisen eines Whistleblowers nach. Wie die japanische Nachrichtenagentur Kyodo meldete, soll Ghosn über fünf Jahre insgesamt fünf Milliarden Yen (rund 40 Millionen Euro) Einkommen zu wenig angegeben haben.

Die Ergebnisse der internen Untersuchung hätten neben fehlerhaften Einkommensangaben weiteres Fehlverhalten von Ghosn ans Tageslicht befördert – darunter den persönlichen Gebrauch von Firmeneigentum. Die japanischen Strafverfolgungsbehörden seien von Nissan unterrichtet worden, das Unternehmen kooperiere in vollem Umfang. Von Renault hieß es, der Verwaltungsrat erwarte genauere Informationen von Ghosn und werde sich sehr bald zu dem Thema treffen.



Ghosn ist bei den Japanern derzeit Verwaltungsratschef und bei Renault in Frankreich Vorstandschef. Außerdem führt er die gemeinsame weitreichende Allianz der beiden Autobauer, die überkreuz aneinander beteiligt sind. Nissan sprach von ernsthaftem Fehlverhalten des in Brasilien geborenen Managers und will ihn wegen Verstößen gegen die Sorgfaltspflicht am Donnerstag feuern, wie Vorstandschef Hiroto Saikawa ankündigte.

Er bestätigte die Verhaftung Ghosns und sagte, dass zu viel Machtkonzentration zu dem Fehlverhalten beigetragen habe – und sprach von „dunklen Seiten“ der jahrelangen Führungsmacht Ghosns. Dessen „negatives Vermächtnis“ müsse Nissan nun beiseite räumen. Die Allianz mit Renault dürfe aber nicht nur von einer Person abhängen. Saikawa entschuldigte sich im Namen von Nissan für die Vorfälle und drückte seine „starke Enttäuschung“ aus.

Ghosn hatte 1999 – von Renault kommend – den Chef-Sessel bei Nissan übernommen, um den verschuldeten Konzern aus der Krise zu führen. 2005 war er dann auch an die Spitze von Renault gelangt. Bei Nissan gab Ghosn den Posten des Vorstandsvorsitzenden zuletzt ab, blieb aber Verwaltungsratschef.

Gemeinsam mit dem im Juli gestorbenen Fiat-Chrysler-Chef Sergio Marchionne galt Ghosn als eine der charismatischsten Figuren der Autoindustrie überhaupt. Nun könnte er über das stolpern, was ihm schon öfter Ärger und Unmut einbrachte: sein Gehalt.

Die Höhe der Bezüge hatte in der Vergangenheit immer wieder für Auseinandersetzungen mit dem französischen Staat gesorgt, der mit 15 Prozent an Renault beteiligt ist. Der heutige Staatspräsident Emmanuel Macron hatte den Autobauer im Jahr 2016 in seiner damaligen Funktion als Wirtschaftsminister beim Thema Managergehälter unter Druck gesetzt, woraufhin Ghosn Zugeständnisse machte. Ob er seinen Posten als Renault-Chef halten kann, dürfte nun scharf diskutiert werden – auch in der französischen Politik. Macron befand in Brüssel, es sei noch zu früh, die Affäre um Ghosn im Einzelnen zu kommentieren. „Der Staat wird hingegen als Aktionär äußerst wachsam sein im Hinblick auf die Stabilität der Allianz und der Gruppe“, sagte er. Die Renault-Aktien stürzten am gestrigen Montag in Paris zeitweise um 15 Prozent auf den tiefsten Stand seit mehr als vier Jahren.

Mit der Allianz aus Renault und Nissan sowie dem japanischen Hersteller Mitsubishi hat Ghosn ein riesiges Firmengeflecht geschaffen. 2017 verkaufte die Allianz 10,6 Millionen Autos und leichte Nutzfahrzeuge. Der weltgrößte Automobilbauer Volkswagen hat nur dank seiner schweren Lkw und Busse noch mehr Fahrzeuge abgesetzt.