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Nürburgring
Ein Mythos und ein Finanzgrab

Nürburg. Aus dem geplatzten Luftschloss Freizeitpark Nürburgring ist eine Einrichtung geworden, die mit kaufmännischem Kalkül die Narben der Vergangenheit entfernen und die Folgen der damaligen Großmannssucht bewältigen will. Von Jürgen Braun

„Der neue Nürburgring ist eine große Chance für die Eifelregion und  das ganze Land. Ich werde nicht zulassen, dass diese Chance kaputt geredet wird.“ Staatstragende, visionäre Töne waren es, die der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck am 8. Juli des Jahres 2009 mit großer Gestik und Theatralik dort anschlug, wo eigentlich der Freizeitpark  Nürburgring als Faustpfand für eine ruhmreiche Zukunft und Einnahmen verheißende Quelle hätte fertiggestellt sein sollen. Stattdessen applaudierten beim offiziellen Festakt neben zahlreichen Politikern aus Land und Bund auch der für teures Geld eingekaufte Nürburgring-Botschafter Boris Becker den hehren Beck‘schen Worten auf einer halbfertigen Baustelle.

Neben der Rennstrecke, die 1984, acht Jahre nach Niki Laudas schwerem Feuerunfall, in Kombination mit der Nordschleife ein moderner Grandprix-Kurs geworden war, sollte ein gigantisches Vergnügungszentrum entstehen. Eines, das jährlich Hunderttausende von Besuchern in die Eifel locken würde, hofften die Initiatoren.

Zwei Hotels, ein Ferienpark, das Eifeldorf Grüne Hölle mit Großraum-Disco. Dazu acht Restaurants, ein Spielcasino, Event-Center, Mehrzweckhalle und die „schnellste Achterbahn der Welt“ waren in nicht einmal zwei Jahren aus dem kargen Eifeler Boden gestampft worden. Von 500 Arbeitsplätzen unmittelbar an der Rennstrecke und „vielen weiteren in der Umgebung“ war in der Gründer-Euphorie die Rede gewesen. „Die Zukunft hat begonnen“, schwadronierte der damalige Nürburgring-Geschäftsführer Walter Kafitz.



Diskussionen um den Ring sind übrigens so alt wie er selbst: „Man hat wohl einen torkelnden Riesen im Vollrausch losgeschickt, um die Strecke festzulegen“, schrieb ein englischer Journalist, der 1927 vom Eröffnungsrennen am Nürburgring berichtete.

Heute, fast zehn Jahre nach dem großen Tamtam, ist von dem geplanten Großraumprojekt nicht mehr viel übrig: Ein zehn Millionen teurer Ring-Racer der niemals fuhr, ein Finanzminister, der Job und Ansehen verlor und immer noch auf seinen Prozess wartet sowie ein paar leerstehende Immobilien-Ruinen. Viele Menschen in der Eifel,  die von einer zukunftssicheren Existenz geträumt hatten,  bezahlten  die Großmannssucht anderer nicht nur mit geplatzten Träumen. Sie quittierten den Verlust ihrer Existenzen. Handwerker, aus der Region, die auf der Großbaustelle tätig waren, liefen ihrem Geld hinterher. Und verspüren noch heute jede Menge Wut im Bauch, wenn man sie  darauf anspricht.

Das drohende Unheil hatte sich schon in der Geburtsstunde des neuen Freizeitparks, die eher einem Kaiserschnitt glich, angekündigt. Gäste und Berichterstatter mussten die letzten Meter zum Ort der Feierlichkeiten, Baustellen-Pfützen ausweichend, über rutschige Bohlen in Gummistiefeln zurücklegen. Längst waren das Projekt und dessen Finanzierung in die Kritik geraten. Nur wenige Tage vor dem großen Medien-Bohei war bekannt geworden, dass ein Teil der Finanzierung des anfänglich mit 258 Millionen Euro bezifferten Vorhabens geplatzt war. Diese hätte über einen privaten Investor abgewickelt werden sollen.  Den Rest wollte das Land übernehmen. Reaktionen blieben nicht aus: Finanzminister Ingolf Deubel (SPD) war noch vor dem offiziellen Festakt zurückgetreten. Dennoch, so Beck, sei „weder der Gesellschaft noch dem Land ein Schaden entstanden“. Die fehlenden Summen sollten stattdessen über Kredite „zu staatlichen Konditionen“  aufgebracht werden.

Aus der Märchen-Nummer wurde bekanntermaßen ein Trauerspiel. Die Kosten für das millionenschwere Luftschloss explodierten. Zwei Schecks eines zweifelhaften  Geldgebers erwiesen sich als Schwindel.  Am Ende standen fast 500 Millionen Euro  an Steuergeldern, die in das Fass ohne Boden flossen und eine veritable Regierungskrise auslösten.

Gestern, zehn Jahre später, stellten die Betreiber eines in seinen vorgesehenen Ausmaßen zwar arg geschrumpften Areals, aber offensichtlich auf einem soliden, realistischen  Konzept aufbauenden Konstrukt ihre Pläne für 2019 vor (siehe Text unten).