| 23:19 Uhr

Zuschlag für den Fiskus
Neuer Abgastest lässt Kfz-Steuer steigen

Ein VW Arteon macht mit einem mobilen Prüfgerät einen WLTP-Abgastest. Die reinen Labortests sind Vergangenheit.
Ein VW Arteon macht mit einem mobilen Prüfgerät einen WLTP-Abgastest. Die reinen Labortests sind Vergangenheit. FOTO: dpa / -
Berlin. Autos pusteten bisher mehr Abgase in die Luft, als die Hersteller nach Labortests angaben. Die Messverfahren sind strenger geworden. Das hat Folgen für Autofahrer. Von Andreas Hoenig

Der Finanzminister kann sich freuen – viele Autofahrer werden nicht erbaut sein. Denn für neu zugelassene Wagen steigt bei vielen Modellen vom 1. September an die Kfz-Steuer. Das liegt an dem neuen, realitätsnäheren Abgastest WLTP. Es ist eine Abkürzung, die viele Autofahrer nun kennenlernen dürften. WLTP steht für „Worldwide Harmonized Light Vehicles Test Procedure“. Der neue europaweite Standard ist ein Messverfahren, das für realistischere Werte beim Schadstoffausstoß sowie beim Spritverbrauch sorgen soll. Die Untersuchungen sind gründlicher als im bisherigen Verfahren NEFZ. Von diesem Samstag an dürfen nur noch Autos neu zugelassen werden, die den neuen Prüfstandard durchlaufen haben.

Das hat Auswirkungen auch auf die Kfz-Steuer, die nach dem Hubraum und dem CO2-Wert des Fahrzeugs bemessen wird, aus dem sich der Spritverbrauch ergibt. Die Kfz-Steuer wird fortan für neu zugelassene Pkw nach den WLTP-Werten berechnet. Im Vergleich zum alten Prüfstandard werden auf dem Papier überwiegend höhere Verbrauchswerte und damit Emissionen erwartet.

Zwar ist der Pkw-Bestand von der Neuregelung nicht berührt. Wer aber ein Fahrzeug neu zulässt, muss mit einem WLTP-Zuschlag rechnen. Die Kfz-Steuer werde für viele Autofahrer, die ihr Fahrzeug nach dem Stichtag erstmals zulassen, höher ausfallen, sagt der ADAC-Vizepräsident für Verkehr, Ulrich Klaus Becker. „Im Ergebnis führt die Umstellung zu einer spürbaren Erhöhung der Kfz-Steuer.“ Nach ADAC-Rechnungen steigt die Kfz-Steuer für einzelne Modelle um mehr als 70 Prozent. Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer vom Car-Center an der Universität Duisburg-Essen sagt, gängigen Prognosen zufolge sei beim WLTP-Test mit einem 20 Prozent höheren Treibstoffverbrauch und damit 20 Prozent höheren Werten beim Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) zu rechnen. Dudenhöffer erwartet im Durchschnitt 50 Euro mehr Kfz-Steuer.



„Das sind keine großen Beträge, aber für viele ist das dennoch ärgerlich“, sagt Isabel Klocke, Abteilungsleiterin Steuerrecht beim Bund der Steuerzahler. Empfehlenswert sei deshalb, sich vor dem Neuwagenkauf Hubraum und WLTP-Wert vorlegen zu lassen.

Im Haus von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) gibt man sich wortkarg. Mangels ausreichender Datenbasis seien „verlässliche repräsentative Aussagen“ über die konkreten Auswirkungen der Umstellung auf die Kraftfahrzeugsteuer noch nicht möglich, sagt ein Sprecher. Das Ministerium will die Auswirkungen von WLTP auf die Kfz-Steuer nach einem Jahr überprüfen. Bisher bringt die Kraftfahrzeugsteuer dem Bund knapp neun Milliarden Euro pro Jahr. Branchenexperte Dudenhöffer rechnet nach Einführung des neues Messverfahrens mit Steuermehreinnahmen von rund 170 Millionen Euro im Jahr.

WLTP könnte noch einen anderen Effekt haben. Zusammen mit geplanten strengeren CO2-Grenzwerten in der EU könnte der neue Prüfstandard den Umstieg auf alternative Antriebe beschleunigen, sagt Dudenhöffer. „Der Verbrennungsmotor hat es schwerer in der Zukunft.“