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Neue Unruhe bei der Deutschen Bank

Frankfurt. Aufsichtsrat Georg Thoma machte sich mit seinem Vorgehen bei der Aufklärung der Skandale nicht nur Freunde. Kommt die Aufarbeitung der Altlasten nach seinem Weggang ins Stocken? Agentur

Der umstrittene Chefaufklärer im Aufsichtsrat der Deutschen Bank gibt auf. Wirtschaftsanwalt Georg Thoma werde zum 28. Mai das Kontrollgremium verlassen, teilte das Institut mit. Zudem gebe Thoma mit sofortiger Wirkung die Leitung des Integritätsausschusses ab. In dieser Rolle sollte der Jurist die vielen Skandale der Bank aufarbeiten und den Kulturwandel vorantreiben. Zuletzt war ihm öffentlich vorgeworfen worden, er sei dabei über das Ziel hinausgeschossen und lähme die Bank.

"Er überzieht, wenn er immer breitere Untersuchungen fordert und immer noch mehr Anwälte aufmarschieren", zitierte die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" den Konzernbetriebsratschef und stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden, Alfred Herling. Thoma sei mit "seinem Übereifer und der juristischen Selbstverwirklichung" zunehmend auf Kritik gestoßen. Zuletzt hieß es in Medienberichten, der 71-jährige Thoma sei im Aufsichtsrat isoliert. Chefkontrolleur Paul Achleitner würdigte Thomas Arbeit, er habe "Prozesse aufgesetzt, die für die Bank von großer Bedeutung" seien. Das Kontrollgremium betonte, auch nach Thomas Ausscheiden bei der Aufarbeitung der Skandale nicht nachzulassen. "Der Aufsichtsrat ist fest entschlossen, mögliche Verfehlungen auch künftig konsequent aufzuarbeiten und daraus die Lehren für die Zukunft zu ziehen", erklärte Achleitner.

Die Deutsche Bank war in den vergangenen Jahren in einige Skandale der Finanzbranche verwickelt. Allein für ihre Beteiligung an der Manipulation des Referenzzinssatzes Libor musste sie Milliarden-Strafen zahlen. Größte offene Altlasten sind die Tricksereien mit Hypotheken in den USA aus der Zeit vor der Finanzkrise und Verfehlungen im Russlandgeschäft.



Meinung:

Wachsendes Misstrauen

Von Merkur-Mitarbeiter Volker Meyer zu Tittingdorf

Die Woche lief für die Deutsche Bank so gut: erst die Freisprüche für Spitzenmanager, dann ein unerwarteter Quartalsgewinn. Und nun dies: Der oberste Aufklärer Thoma gibt auf. Dieser Rückzug lässt neues Misstrauen wachsen. Will die Deutsche Bank etwa jemanden loswerden, der die Altlasten ernsthaft aufarbeitete? Will die Bank sich um echte Aufklärung herumdrücken? Die größte Bank Deutschlands wird jetzt wieder neue Überzeugungsarbeit leisten müssen, dass sie es mit dem angekündigten Kulturwandel ernst meint.