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Arbeitnehmer-Vertreter
Neue Betriebsräte stehen vor großen Aufgaben

Die neuen Betriebsräte sind gewählt. Jetzt beginnt für sie die tägliche Arbeit an der Basis.
Die neuen Betriebsräte sind gewählt. Jetzt beginnt für sie die tägliche Arbeit an der Basis. FOTO: rup / ROLF RUPPENTHAL
Saarbrücken. Die Vertreter der großen Gewerkschaften sind zufrieden. Bei den Betriebsratswahlen haben ihre Leute wieder satte Mehrheiten erreicht. Lothar Warscheid

Nach der Wahl fängt die Arbeit erst richtig an – an der Basis und zwar mit den Sorgen der Kollegen. Das ist auch nach den Betriebsratswahlen so, die in diesem Frühjahr in vielen Unternehmen abgehalten wurden. Alle vier Jahre ist das der Fall. Ende Mai war die Zeit der Urnengänge abgelaufen. Doch so eng wird das nicht gesehen. Bei Neugründungen von Betriebsräten, wie sie zum Beispiel die Gewerkschaft Verdi bei privaten Busunternehmen registriert, „sind die Wahlen teilweise noch nicht abgeschlossen“, sagt Thomas Müller, Chef der Verdi-Region Saar-Trier.

Erwartbar gut hat im von der Industrie geprägten Saarland die Gewerkschaft IG Metall abgeschnitten. Ihr Organisationsgrad in den neuen Räten schwankt je nach Verwaltungsstelle, von denen es im Saarland vier gibt, zwischen 85 und fast 95 Prozent. Spitzenreiter ist die Verwaltungsstelle Völklingen, wo mit Ford sowie Saarstahl und der Dillinger Hütte ein Vielzahl von Großbetrieben ihren Sitz haben. „Hier zahlt sich unter anderem aus, dass wir offensiv um den Erhalt der Stahlindustrie gekämpft haben“, sagt der 1. Bevollmächtigte der Verwaltungsstelle, Robert Hiry. Im Saarlouiser Ford-Werk erzielte die IG Metall „das beste Wahlergebnis in der Geschichte des Standortes“, bilanziert Hiry. Von 33 Mandaten erhielt die Gewerkschaft 30. Die Wahlbeteiligung bei Ford lag bei fast 91 Prozent, „und die IG Metall legte um über 1200 Stimmen zu“.

Mandate, die nicht den Großen zufallen, erhalten entweder Vertreter kleinerer Arbeitnehmer-Organisationen wie zum Beispiel die Christliche Gewerkschaft Metall (CGM) oder freie Kandidaten, die sich als Person aufstellen lassen. Die CGM sieht sich in vielen Betrieben in der Region „seit etlichen Jahren als feste Größe“. Ihre Kandidaten „konnten sich gut behaupten“, teilte die CGM mit. Ihre Präsenz in den Betriebsräten habe sich nach der Wahl „kaum verändert“. Bei den freien Kandidaten hat die IG Metall jedoch die Erfahrung gemacht, „dass sie innerhalb kurzer Zeit feststellen, dass es wichtig ist, sich einer starken Organisation anzuschließen“, sagt Hiry.



Stark geschwankt hat die Wahlbeteiligung. Sie lag je nach Betrieb zwischen 50 und 90 Prozent. „Diese großen Unterschiede sind auch auch auf die Grippewelle zurückzuführen, die viele davon abhielt, wählen zu gehen“, erinnert Ralf Reinstädtler, 1. Bevollmächtigter der Verwaltungsstelle Homburg Saarpfalz.

Die Anzahl der Betriebe, in denen gewählt wurde, blieb unterm Strich weitgehend konstant, auch wenn es im Bereich der einen oder anderen Verwaltungsstelle einige Veränderungen gab, die aber hauptsächlich auf Schließungen oder Zusammenschlüsse zurückzuführen waren. So wurden im Sprengel der IG Metall Homburg-Saarpfalz vier Betriebe in den vergangenen vier Jahren dicht gemacht, wie zum Beispiel der der Turbinenschaufel-Hersteller GE Power in Bexbach. Allerdings verbuchte die Gewerkschaft auch fünf Betriebrats-Neugründungen.

Der Kampf um den Erhalt der Standorte und damit der Arbeitsplätze wird auch in der jetzt angelaufenen vierjährigen Legislaturperiode „eine unserer zentralen Aufgaben sein“. Daran erinnert Patrick Selzer, 2. Bevollmächtigter der Verwaltungsstelle Saarbrücken, den derzeit die Rettung der 1500 Jobs bei der unverschuldet in Not geratenen Motorblock-Gießerei Neue Halberg Guss (NHG) in Brebach besonders umtreibt. Doch auch die Folgen des erwarteten Wandels in der Automobilindustrie – weg vom Verbrennungsmotor – beschäftigt die Gewerkschafter.

„Allerdings müssen sich unsere Betriebsräte auch mit den Herausforderungen der Digitalisierung und Automatisierung in den Betrieben selbst auseinandersetzen“, erinnert Dietmar Geuskens, Saar-Bezirksleiter der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). „Da kommt einiges auf uns zu.“

Doch zunächst müssen viele neugewählte Vertreter erst einmal die Betriebsrats-Arbeit von der Pike auf lernen. „Gut ein Drittel aller Mitglieder sind erstmals in die Interessenvertretung gewählt worden“, betont Jörg Caspar, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Neunkirchen für seinen Bereich. „Diese werden zunächst in einer Grundlagenschulung auf ihre Arbeit vorbereitet.“