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Serie Ausbildung 2018
Mit der Digitalbrille Wunschberufe erkunden

Über die Brille lernen die Schüler Berufsfelder in einer virtuellen 3D-Umgebung kennen.
Über die Brille lernen die Schüler Berufsfelder in einer virtuellen 3D-Umgebung kennen. FOTO: Schule Plus
Berlin/Saarbrücken. Eine Berliner Firma will Schülern Firmen und Berufe mit 3D-Brillen näherbringen. Auch Firmen sollen sich bei dem Projekt vorstellen. Von Joachim Wollschläger

Selten war Berufsberatung so anschaulich. Nur kurz Firma oder Berufsbild wählen, 3D-Brille auf, schon steht man mittendrin. Im Foyer eines Vier-Sterne-Hotels. In einer industriellen Fahrzeug-Lackiererei oder auch mitten in einem Polizeieinsatz. Drei bis fünf Minuten lang tauchen die Schüler ganz in die virtuelle Welt ein, lassen sich durch den Betrieb führen und erfahren. was zu einem Beruf und der Ausbildung dazugehört.

„Dein erster Tag“ heißt das Projekt, das Schülern beispielsweise auf Berufsberatungstagen in den Schulen einen noch größeren Einblick in die verschiedenen Branchen geben soll. „Die Idee war es, den Schülern ein Erlebnis zu ermöglichen, als wären sie direkt vor Ort“, sagt Robert Greve. Er ist Geschäftsführer des Berliner Sozialunternehmens Schule plus und Mitinitiator von „Dein erster Tag“.

Schon jetzt steht die Berufsberatung in vielen Schulen in den Abschlussjahrgängen im Fokus: Auf schulinternen Veranstaltungen oder Ausbildungsmessen stellen sich dann Firmen vor, werben für bestimmte Berufsfelder. Häufig sind auch Auszubildende dabei, die von ihrem Alltag erzählen. Hier möchte Schule Plus mit seinem Projekt eine Ergänzung bieten. „Auf einer solchen Messe können immer nur ein paar Berufe vorgestellt werden. Über die 3D-Brillen haben die Schüler dann Zugriff auch viele weitere Ausbildungsberufe, die sie interessieren könnten“, sagt Greve. Und das können dann eben auch speziellere Berufsbilder sein: „Vielen fehlt ja auch das Wissen über Berufe wie Zerspanungsmechaniker oder Elektroniker für Betriebstechnik“, sagt Greves Kollegin Clara Höltermann, mit der er aktuell im Saarland unterwegs ist, um Schulen und Firmen von dem Projekt zu überzeugen.



Deutschlandweit stößt „Dein erster Tag“ den Angaben zufolge bereits auf große Resonanz. Über 500 Schulen hätten schon Interesse angemeldet. Die können sich dann für einige Tage kostenlos ein Set mit drei Video-Brillen und Software ausleihen. „Damit haben sie dann bei einer Info-Veranstaltung drei Stände mehr, an denen sie Berufe vorstellen können“, sagt Greve.

Auch im Saarland ist das Projekt, das erst im Februar an den Start gegangen ist, aktiv. 144 Schulen hat Schule plus dort eingeladen, bei der digitalen Berufsbildung mitzumachen. Vor allem zielt „Dein erster Tag“ auf berufsbildende Schulen wie Real-, Haupt- und Gemeinschaftsschulen sowie Oberstufenzentren.

Für die beteiligten Firmen ist das Projekt eine neue Möglichkeit, sich hautnah potenziellen Bewerbern zu präsentieren. Und weil auch saarländische Firmen in das Programm aufgenommen werden sollen, sind Greve und Höltermann jetzt häufiger vor Ort unterwegs, um das neue Format vorzustellen. „Für die Schüler ist es natürlich auch wichtig, dass sie sich über die Unternehmen vor Ort informieren können“, sagt Höltermann.

Um die Unternehmen ins Boot zu holen, ist Überzeugungsarbeit notwendig, denn sie sind es letztlich, die das Projekt über ihre Beiträge finanzieren. Sie zahlen nicht nur eine Produktionsgebühr für die Filme, sondern auch eine laufende Gebühr für die Zeit, in der der Film im Programm bleiben soll. „Aber die Unternehmen sehen durchaus die Chancen, die die Technik ihnen bietet. Und sind auch bereit, dafür zu bezahlen“, sagt Greve.

Bei der Überzeugungsarbeit mag helfen, dass Schule plus nicht auf Gewinn ausgerichtet ist. Bei der Sozialfirma, die mit Partnern wie dem Wirtschaftsministerium, der Europäischen Union, der Kultusministerkonferenz und der Bundesagentur für Arbeit zusammenarbeitet, stehen bildungspolitische Themen im Vordergrund. Neben „Dein erster Tag“ hat das fünf Jahre alte Unternehmen bereits mehrere Projekte für Berufsorientierung und Digitalisierung im Schulalltag auf den Weg gebracht. Und auch die Mutterfirma Swim, ebenfalls ein Sozialprojekt, das Greve vor elf Jahren gemeinsam mit zwei Kommilitonen ins Leben gerufen hat, macht schon seit Jahren Lernprogramme für Schulen. „Letztlich sind wir ein Brückenkopf zwischen Schulen und Unternehmen“, beschreibt Greve, der selbst auf Lehramt studiert hat, die Arbeit bei Schule plus.

Bei dem jüngste Projekt „Dein erster Tag“ konzentrieren sich die Initiatoren aktuell vor allem auf größere Firmen um ein erstes, breites Angebot zu haben. „Wir wollen aber auch den Mittelstand und das Handwerk integrieren, um ein noch breiteres Ausbildungsspektrum bieten zu können“, sagt Greve. Dafür würden jetzt auch neue Preismodelle entwickelt, um kleineren Firmen und Handwerkern die Teilnahme zu erleichtern.

Denkbar sei auch eine Förderung der Produktionskosten über den Europäischen Sozialfonds ESF. „Letztlich wollen wir alle Ausbildungsberufe auf der Seite haben und bei den rund 15 000 weiterführenden Schulen vertreten sein“, betont Robert Greve.

Robert Greve ist Geschäftsführer 
des Sozial­unternehmens 
Schule Plus.
Robert Greve ist Geschäftsführer des Sozial­unternehmens Schule Plus. FOTO: Schule Plus / Christian Klant