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Mit dem Handy auf die Barrikaden gehen

Zweibrücken. Das Internet ist voller Selbstporträts. Smartphones machen den schnellen Schnappschuss möglich. Eitelkeit ist bislang das führende Motiv. Doch zunehmend nutzen auch Aktivisten das Selfie für ihre Zwecke. Nadine Schneider

Handy zücken und schnell ein Foto von sich selbst schießen: Soziale Netzwerke sind voller Bilder, auf denen sich Menschen selbst zeigen. Doch die Selfies genannten Porträts dienen mittlerweile auch für Friedensappelle und Spendenaufrufe. Diese dann als Protest-Selfie bezeichneten Bilder werden häufig mit Textbotschaften kombiniert, erklärt Eva Wyss, die das Phänomen an der Universität Koblenz-Landau erforscht.

Das Phänomen, Proteste mit Hilfe von "Selfies" zu führen, gibt es laut Wyss seit etwa zwei Jahren. Ziel der Selfies sei es meist, auf etwas aufmerksam zu machen, das aus persönlicher Sicht nicht ausreichend in den Medien behandelt werde. "Die Bilder sind individuell gestaltet, weisen aber immer mindestens ein bestimmtes Merkmal auf, das sich in jedem Bild wiederfindet", erklärt Wyss. Dies könne beispielsweise eine Botschaft sein, die jeder Teilnehmer auf seine eigene Weise interpretiert.

Unter dem markanten Schlagwort #NotAMartyr (deutsch: kein Märtyrer) begannen junge Libanesen im vergangenen Jahr, Selfies auf Facebook zu veröffentlichen. Auslöser für den Protest war der Tod von Mohammed Schaar im Dezember 2013. Seine Freunde hatten gemeinsam mit ihm in Beirut für ein Selfie posiert — nicht ahnend, dass sie damit die letzten Sekunden vor einem Autobombenanschlag festhielten, bei dem Schaar starb. Politiker bezeichneten Schaar in Folge als Märtyrer, seine Freunde setzen sich mit ihrem Facebook-Protest nun gegen diese Instrumentalisierung zur Wehr.

Auf den Selfies halten die Protestler Schilder mit Botschaften hoch, um für Frieden zu demonstrieren. Durch die Verbindung von Text und Bild bekomme der Protestgedanke Eva Wyss zufolge ein Gesicht, rufe bei den Betrachtern starke Emotionen hervor. Auf der Facebookseite gingen über 300 solcher Bilder ein, mehr als 10 300 Unterstützer zählt sie.

Nach dem gleichen Prinzip - Selfie mit Textbotschaften - funktioniert auch das Project Unbreakable (deutsch: Projekt unzerstörbar) der Amerikanerin Grace Brown. Ihre Internetseite project-unbreakable.org bietet Vergewaltigungsopfern eine Plattform. Sie tragen auf den Fotos Schilder in der Hand, auf denen Aussagen der Vergewaltiger geschrieben stehen. Damit will Grace Opfern Mut zusprechen und gleichzeitig die Brutalität der Täter offenbaren, in dem sie ihre grausamen Worte zeigt. Mehr als 1500 solcher Fotos sind seit der Gründung des Projekts im Jahr 2011 zusammengekommen.