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„Mehr Beschäftigte im nächsten Jahr“

Das Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA), Heinrich Alt, rechnet mit bis zu 180 000 Bulgaren und Rumänen, die im kommenden Jahr in Deutschland einen Job suchen. Was das für den Arbeitsmarkt bedeutet, erklärt er im Gespräch mit unserem Berliner Korrespondenten Stefan Vetter.

Herr Alt, die Bundesagentur prognostiziert für den Winter einen Anstieg der Arbeitslosenzahl von jetzt 2,8 auf bis zu 3,2 Millionen. War's das mit dem Job-Wunder in Deutschland?

Heinrich Alt: Nein, überhaupt nicht. Das ist ein rein saisonaler Ausschlag wie in jedem Winter. In den letzten Jahren lag der Wert bei bis zu 500 000 Arbeitslosen mehr. Jetzt sind es nur noch maximal 400 000. Und wir rechnen auch im nächsten Jahr mit einem weiteren Beschäftigungszuwachs.

Tatsache ist aber, dass es für Arbeitslose schwieriger geworden ist, einen Job zu bekommen. Woran liegt das?

Alt: Das liegt an der wachsenden Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Zum einen steigt die Erwerbsbeteiligung von Älteren und von Frauen. Das ist sehr positiv. Zum anderen verzeichnen wir mehr Zuwanderung aus anderen europäischen Staaten. In diesem Jahr werden voraussichtlich bis zu 300 000 Zuwanderer in Deutschland eine Arbeit gefunden haben. Diese Arbeitskräfte füllen häufig Lücken, die nicht mit Inländern zu füllen wären. Für einheimische Arbeitslose wird es insgesamt aber schwieriger, sich zu behaupten.

Vor allem für Langzeitarbeitslose. Ihre Zahl verharrt trotz guter Konjunktur schon seit Jahren bei rund einer Million. Was genau läuft da verkehrt?

Alt: Wir hatten auch schon 1,6 Millionen Langzeitarbeitslose. Aber es stimmt, in den letzten Jahren stagniert die Zahl bei knapp einer Million. Das Hauptproblem: Langzeitarbeitslose sind überdurchschnittlich schlecht qualifiziert. Unter den Unqualifizierten liegt die Arbeitslosenquote bei 20 Prozent. Bei den Qualifizierten sind es nur fünf Prozent.

Wie lässt sich das Problem lösen?

Alt: Bei der Integration von Langzeitarbeitslosen in den Betrieben haben wir eine Art Innovationsstau. Es fehlt die gute Idee, wie wir diese Menschen schrittweise wieder in betriebliche Praxis integrieren können. Jedenfalls stehen viele Menschen, die lange weit weg vom Arbeitsmarkt waren, schon nach kurzer Zeit wieder auf der Straße. Unsere Idee ist, dass die Jobcenter solche Menschen noch eine Zeit lang begleiten und mit den Betrieben Ideen über deren nachhaltige Eingliederung entwickeln. Derzeit testen wir in 30 Jobcentern und Arbeitsagenturen ein Programm zur nachhaltigen Beschäftigung. Allerdings sind uns hier zum Teil auch gesetzlich die Hände gebunden.

Wie das?

Alt: Wenn Menschen vom Jobcenter keine Leistungen mehr beziehen, dann können wir sie auch nicht mehr betreuen. Dafür fehlt uns bislang der gesetzliche Auftrag. Hier müsste die Regierung eine neue Regelung finden. Manchem fehlt vielleicht nur eine kleine Qualifizierung, um länger in der Firma zu bleiben. Die könnten die Jobcenter noch finanzieren.

Ab Januar fallen die letzten Schranken für Rumänien und Bulgarien bei der Arbeitnehmerfreizügigkeit. Ist ein Run auf Deutschland zu erwarten?

Alt: Ein Ansturm vielleicht nicht, aber es wird Druck geben. Wir rechnen mit bis zu 180 000 Bürgern aus Rumänien und Bulgarien, die 2014 in Deutschland eine Arbeit suchen werden. Da ist auch die Bundesagentur in der Mitverantwortung. Zum Beispiel, wenn es um Deutschkurse oder Aktivierungsmaßnahmen geht.

Aber handelt es sich hier nicht zumeist um eine Zuwanderung in die Sozialsysteme?

Alt: Unter den Bulgaren und Rumänen, die schon bei uns sind, gibt es Akademiker, aber auch Analphabeten. Das Problem ist, dass sich die Geringqualifizierten vornehmlich in Metropolen wie Berlin oder Dortmund konzentrieren, die eh schon einen angespannten Arbeitsmarkt haben.