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Interview Stefan Detzel
„Man muss nah am Mitarbeiter sein wollen“

Stefan Detzel, Unternehmensberater der Elnet-Group.
Stefan Detzel, Unternehmensberater der Elnet-Group. FOTO: Elnet Group
Saarbrücken/Speyer. Der Unternehmensberater der bundesweit tätigen Elnet-Group fordert Chefs zu mehr Beachtung und Förderung älterer Beschäftigter auf.

Unternehmen müssen viel stärker auf ihre älteren Mitarbeiter und deren Erfahrungen setzen, wenn sie erfolgreich bleiben wollen. Dazu gehöre auch eine konsequente Förderung und Karriereplanung durch das Unternehmen. Dies betont Stefan Detzel von der bundesweit tätigen Unternehmensberatung El-Net-Group, die auch ein Büro in Saarbrücken hat. Detzel wird sowohl für börsennotierte als auch mittelständische Unternehmen aktiv. Seiner Überzeugung nach verschenkt gerade der Mittelstand zahlreiche Chancen, neue Mitarbeiter zu gewinnen.

Sie haben im Rahmen einer bundesweiten Befragung von Personalchefs das Ende des Jugendwahns am Arbeitsmarkt und mehr Chancen für ältere Arbeitnehmer über 50 festgestellt.

DETZEL Man muss unterscheiden. Sehr große Unternehmen werden weiter den Abbau der über 50 Jährigen forcieren, etwa in Versicherungen und Banken, weil da die Digitalisierung im großen Stil Einzug hält. Da herrscht enormer Druck. Der Mittelstand zeigt eine viel größere Bereitschaft, über 50-Jährige zu beschäftigen, etwa im Maschinenbau, bei Autozulieferern und im Handwerk.



In welchen Branchen sind die Chancen für Mitarbeiter über 50 besonders groß?

DETZEL Wer heute mit Mitte 50 das Unternehmen verlässt, hat große Chancen einen neuen Job zu finden, wenn man flexibel ist. Zumal viele Betriebe auch keine jungen Mitarbeiter mehr finden.

Wie sehen denn die Entwicklungsmöglichkeiten für ältere Mitarbeiter in Unternehmen heute aus?

DETZEL Es ist erstaunlich: wenn man heute mit 50 zum Vorgesetzten oder in die Personalabteilung geht und nach Entwicklungsmöglichkeiten fragt, erntet man im Regelfall Verwunderung. Vielen Unternehmen ist immer noch nicht klar, dass heute 50 Jährige noch 17 Jahre arbeiten müssen. Mitarbeiter mit 50 werden jedoch so selbstverständlich behandelt, als seien sie schon immer da und brächten das Unternehmen ganz selbstverständlich voran. Es herrscht die Meinung vor, dass man sich um solche Mitarbeiter nicht sonderlich kümmern muss. Diese Haltung passt nicht mehr zur Wirklichkeit. Unternehmen sind heute gut beraten, auch 50 Jährige mit ihren Erfahrungen gezielt zu fördern, sonst geht deren Motivation verloren. Man muss auch ihnen Anreize bieten, sich weiter einzubringen. Denn junge Leute stehen nicht mehr automatisch bereit.

Welche Motivation bringen 50 Jährige heute mit?

DETZEL Die sind mental und gesundheitlich fitter als diejenigen vor 20 Jahren. Und sie wollen in der Regel mit sich und der Karriere noch längere Zeit etwas anfangen. Unternehmen sollten ein gezieltes Weiterbildungskonzept anbieten, das in allen Lebensphasen durchgezogen wird: von 20 bis über 60. Dazu gehören regelmäßige Führungsgespräche und Coaching genauso wie gezieltes Interesse an angestrebten Lebens- und Karriereläufen. Es bestehen aus meiner Sicht gute Möglichkeiten in den meisten Unternehmen, auch für ältere Beschäftigte gute Arbeitsmöglichkeiten anzubieten. So können ältere Menschen idealerweise auch koordinierende Aufgaben übernehmen, um körperliche Belastungen zu senken. Zudem sollten Unternehmen Programme zur körperlichen Fitness anbieten, um einen Beitrag dazu zu leisten, dass die Mitarbeiter möglichst lange fit und gesund bleiben. All dies setzt in der Führungsetage die Einsicht voraus, nah am Mitarbeiter sein zu wollen und gemeinsam mit ihm arbeiten zu wollen.

Wie kommt es, dass selbst in der Personengruppe der 65 bis 69 jährigen die Beschäftigung stark ansteigt?

DETZEL Es gibt hoch qualifizierte Mitarbeiter, die ihr Wissen als Berater weitergeben und vom Unternehmen gefragt werden, ob sie nicht noch zwei, drei Tage die Woche kommen können. Solche Mitarbeiter wollen weiter am Arbeitsleben teilnehmen. Das ist allerdings der kleinere Teil der Bevölkerung. Der größere Teil weiter arbeitender Menschen ist bedingt durch Altersarmut. Die Not treibt den Menschen zur Arbeit. Wenn der Staat das nicht in den Griff bekommt, dann bekommen wir amerikanische Verhältnisse, wo 75 Jährige drei Tage die Woche Taxi fahren. Für viele reicht die Rente nicht.

Welche Möglichkeiten hat der Mittelstand heute gegenüber Großunternehmen, Personal zu gewinnen? Was macht er falsch?

DETZEL Ich denke, ein großer Fehler kleiner und mittelständischer Unternehmen besteht darin, nicht nachzufassen, wenn ein Bewerber absagt. Da wird dann auch keine Mail mit einem Fragebogen geschickt, warum es nicht gelungen ist, den Bewerber zu überzeugen und für sich zu gewinnen. Das Feedback derer, die nicht kommen, ist sehr wertvoll, denn nur so kann ich als Unternehmer Dinge ändern, die meinen Betrieb attraktiver machen. Leider wird auch kaum systematisch nachgefragt, warum ein Mitarbeiter geht, um zu einem anderen Unternehmen zu wechseln.

Was empfehlen Sie?

DETZEL Es geht schon damit los, wie ein Bewerber empfangen wird. Weiß die Anmeldung überhaupt, wer kommt? Stehen Kaffee, Tee oder Wasser bereit? Werden die Zeiten eingehalten? Ist der Raum, in dem das Bewerbungsgespräch geführt wird, aufgeräumt? Können die Führungskräfte ihr Unternehmen gut verkaufen, kennen sie überhaupt die Werte des Betriebes, wissen sie, warum es attraktiv sein soll, gerade in dieser Firma zu arbeiten? Wird der Bewerber richtig behandelt? Sichert man ihm zu, sich jederzeit melden zu können, wenn es noch Fragen gibt, auch über die Mobilfunknummer des Chefs. Wird dem Bewerber gegenüber eine klare Kommunikation gepflegt die eindeutig erkennen lässt, dass man ihn nicht verlieren will?

Was sollte noch beachtet werden?

DETZEL Es braucht attraktive Einarbeitungspläne und transparente Karrierewege im Unternehmen. Hilfreich, einen Mitarbeiter zu gewinnen, sind auch Gespräche mit Mitarbeitern, die schon länger da sind. All das ist Handwerk. Und es wird sehr oft versäumt. Die Unternehmen machen es sich zu einfach mit ihrer Argumentation, kein Personal zu finden.

Was müssen Unternehmen heute noch bieten, um für Mitarbeiter attraktiv zu sein?

DETZEL Unternehmer müssen an den Menschen dranbleiben, sich erkennbar für sie interessieren, für jeden einzelnen. Das geschieht über regelmäßige Führungs- und Personal-Entwicklungsgepräche bis hin zur Beteiligung der Belegschaft an Strategieentscheidungen. Da müssen alle mit ihrem Wissen eingebunden werden. Die Belegschaft trägt entscheidend dazu bei, dass im Unternehmen Geld verdient wird.

Wo ist aus Ihrer Sicht der größte Fehler in der Unternehmensführung zu suchen?

DETZEL Zu glauben, bei der Behandlung der Mitarbeiter nichts ändern zu müssen, so lange nichts einschneidendes passiert. Durch gezielte Personalentwicklungsprozesse riskiert man natürlich auch, die eigene Wahrnehmung zu stören, die man von Mitarbeitern hat.

Wie kann man solche festgefahrenen Prozesse verändern?

DETZEL In dem man sich neutralen Sachverstand von außen holt, die Stärken und Schwächen eines Unternehmens unvoreingenommen analysieren lässt. Dazu gehört auch ein Coaching der Führungskräfte, das die Sensibilität erhöht, mit wachen Augen auf ihre Mitarbeiter zu blicken und ihnen Entwicklungsperspektiven zu bieten.

Können denn Chefs überhaupt Kritik wirklich ertragen?

DETZEL Diese Eigenschaft ist heute Schlüssel für moderne Unternehmen und eine erfolgreiche Unternehmensführung. Die Menschen, die heute auf den Arbeitsmarkt kommen, leben in einer Generation, die so gut ausgebildet ist wie nie zuvor. Sie steht in der Regel gut da und kann sich in der heutigen Zeit auch ihren Arbeitgeber aussuchen. Die Basisangst, keinen Job zu finden, muss ein Student heute nicht mehr haben. Die jungen Leute von heute können hochwertige Ansprüche an ihre Arbeit und ihren Arbeitgeber formulieren.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE
Thomas Sponticcia

Besonders im Maschinenbau, bei Autozuliefererern und im Handwerk bieten sich gute berufliche Perspektiven auch noch für Menschen über 55.
Besonders im Maschinenbau, bei Autozuliefererern und im Handwerk bieten sich gute berufliche Perspektiven auch noch für Menschen über 55. FOTO: dpa / Peter Förster