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Kommt der Blackout?
Elektroautos könnten Stromnetz überlasten

 Noch ist die Elektroauto-Mobilität nicht sehr stark verbreitet. Oft fehlt es noch an der Lade-Infrastruktur, so die Kritik. Doch zu Hause hat jeder eine Steckdose. Wenn zu viele E-Autos am Ortsnetz hängen, gibt es Probleme.
Noch ist die Elektroauto-Mobilität nicht sehr stark verbreitet. Oft fehlt es noch an der Lade-Infrastruktur, so die Kritik. Doch zu Hause hat jeder eine Steckdose. Wenn zu viele E-Autos am Ortsnetz hängen, gibt es Probleme. FOTO: dpa / Lino Mirgeler
Blieskastel/Saarbrücken. Sollten die Ortsnetze nicht aufgerüstet werden, könnten sie zusammenbrechen. Das zeigt das Beispiel Blieskastel. Von Lothar Warscheid

Bernhard Wendel musste hart durchgreifen. Der Chef der Stadtwerke Bliestal stoppte den Wunsch eines Elektroauto-Fahrers auf eine Turbo-Betankung seines neuen Gefährts mit Strom. Er wollte eine Leistung von 22 Kilowatt (kW) aus dem örtlichen Stromnetz ziehen, doch die Stadtwerke genehmigten ihm nur elf kW. Das bedeutete eine Verdoppelung der Ladezeiten. Die Stadtwerke befürchteten eine Überlastung des Netzes und damit einen Stromausfall, sollten die drei E-Autos in der Straße gleichzeitig geladen und zudem einige Durchlauferhitzer und Elektroherde neben dem Normal-Verbrauch durch Lampen oder Fernseher in Betrieb sein.

„Noch tritt dieses Problem nur vereinzelt auf“, weiß Roman Fixemer, Geschäftsführer der Firma VSE Verteilnetz. „In der Regel müssen sich in einem Wohnviertel zwischen 20 und 50 Häuser, die an einem Stromkreis angeschlossen sind, ein Leistungsangebot von bis zu 120 kW teilen“, erläutert er. In der Regel reiche dies, da die Geräte mit einem hohen Stromverbrauch, wie zum Beispiel ein Durchlauferhitzer mit einer Leistung von 18 bis 24 kW, nur wenige Minuten laufe. „Doch ein Elektroauto fragt diese Leistung über Stunden hinweg ab“, macht Netzspezialist Fixemer das Problem deutlich. „Hier haben Netzbetreiber und Autobauer sich nicht abgestimmt“, kritisiert er.

In der Tat werden  die E-Auto-Leistungen immer höher, während die Netzkapazität konstant bleibt. Kommt einer der ersten Elektro-Pkw, der Peugeot iOn, noch mit einer Leistung von 49 kW für eine Reichweite von 150 Kilometer aus, ist der in Europa sehnlich erwartete Tesla Model 3 mit einer Leistung von 192 kW bestückt, um 350 Kilometer weit fahren zu können. Um des steigenden Stromverbrauchs Herr zu werden, können die Netzgesellschaften entweder die Leitungen verstärken oder die Lademöglichkeiten regulieren, wie bei den Stadtwerken Bliestal geschehen. „Ob dies jedoch rechtlich möglich ist, darf zumindest bezweifelt werden“, meint Fixemer. „Hier muss der Gesetzgeber noch aktiv werden.“



Auch das Aufrüsten der Leitungen geht ins Geld. Die Unternehmensberatungsgesellschaft Oliver Wyman hat in einer zusammen mit der Technischen Universität (TU) München erarbeiteten Studie errechnet, dass elf Milliarden Euro in den Netzausbau investiert werden müssten, um bei einer Elektroauto-Quote von 50 Prozent einen Stromausfall zu vermeiden. Sollte nichts passieren „wird mit einer 95-prozentigen Wahrscheinlichkeit das Niederspannungsnetz ab einer Elektromobilitätsquote von 30 Prozent flächendeckend überlastet sein“, heißt es dort weiter. Diese Quote „könnte in einem Zeitfenster zwischen 2025 und 2040 erreicht werden“. Daher „besteht für die Akteure akuter Handlungsbedarf, da beim Netzausbau mit erheblichen Vorlaufzeiten zu rechnen ist“.

Eine Lösung sehen die Experten darin, die Strom-Betankung flexibler zu gestalten. Ein Auto müsse nicht sofort geladen werden, wenn es an der Steckdose hängt. Die Ladevorgänge müssten so gesteuert werden, dass sie das Netz nicht überlasten. Auch hier kommt die Lösung womöglich aus Blieskastel. So hat der Elektrotechnik-Konzern Hager eine Ladestation für zu Hause entwickelt, die sicherstellen soll, dass das Netz nicht in die Knie geht (wir berichteten). Derzeit ist die Kooperation auf den Autobauer Audi fokussiert, doch künftig soll die Station für alle E-Autos ausgelegt werden. Diese Station gibt es nicht umsonst. Ein mittlerer vierstelliger Euro-Betrag muss schon hingeblättert werden.