| 23:04 Uhr

Stühlerücken in Wolfsburg
Herbert Diess wird neuer VW-Chef

Matthias Müller muss den Chefsessel räumen. Er habe „Herausragendes geleistet“, lobte der Aufsichtsrat.
Matthias Müller muss den Chefsessel räumen. Er habe „Herausragendes geleistet“, lobte der Aufsichtsrat. FOTO: Jörg Carstensen / dpa
Wolfsburg. Der weltgrößte Autohersteller baut seinen Vorstand und den ganzen Konzern um. Auch Karlheinz Blessing muss gehen.

Der bisherige VW-Markenchef Herbert Diess wird neuer Volkswagen-Konzernchef. Damit löst er seinen Amtsvorgänger Matthias Müller ab, wie der VW-Aufsichtsrat gestern Abend in Wolfsburg beschloss. Müller scheide im gegenseitigen Einvernehmen mit sofortiger Wirkung als Vorstandsvorsitzender, aber nicht aus dem Unternehmen aus. Demnach wird er seinen Vertrag bis 2020 erfüllen.

Müller war im Herbst 2015 Konzernchef geworden, kurz nachdem „Dieselgate“ mit Millionen manipulierter Dieselfahrzeuge bekannt geworden und Martin Winterkorn darüber gestürzt war. Intern soll Müller Entscheidungsschwäche vorgeworfen worden sein. Erst am Dienstag hatte VW überraschend angekündigt, die Führungsetage umbauen zu wollen.

Daneben beschlossen die Aufseher weitere Personalien: Gunnar Kilian, bisher Generalsekretär im Betriebsrat, wird Personalvorstand und damit Nachfolger von Karlheinz Blessing, dem früheren Chef der Dillinger Hütte und von Saarstahl. Der langjährige Einkaufsvorstand Francisco Javier Garcia Sanz verlässt das Unternehmen auf eigenen Wunsch, seine Aufgaben wird der Beschaffungsvorstand der Marke, Ralf Brandstätter, kommissarisch übernehmen. Sanz ist seit 2001 Vorstand bei VW und auch Aufsichtsratschef beim Bundesligisten VfL Wolfsburg. Zugleich rückt Porsche-Chef Oliver Blume in den Konzernvorstand auf.



Auch die Neuorganisation der Marken des Zwölf-Marken-Konzerns soll kommen: Eingeführt werden die Markengruppen „Volumen“, „Premium“ und „Super Premium“, wie das Unternehmen mitteilte. Für die Nutzfahrzeugeinheit Truck & Bus sollen die Voraussetzung geschaffen werden, diese an die Börse zu bringen. Laut „Spiegel“ sollen die einzelnen Marken in den vier Gruppen aufgeteilt werden – für die Volumenmodelle VW, Skoda und Seat, die Premiumfahrzeuge mit Audi, die Sportwagen mit Porsche, Bentley, Bugatti und Lamborghini und die Nutzfahrzeuge mit MAN, Scania und den leichten Nutzfahrzeugen.

Die für die Markengruppen verantwortlichen Vorstandsvorsitzenden übernehmen zusätzlich Konzernführungsaufgaben. Der neue Konzernchef Diess verantwortet demnach die Konzernentwicklung- und Forschung, Audi-Chef Rupert Stadler den Konzernvertrieb und Porsche-Chef Blume die Konzernproduktion.

Der 59-jährige Diess galt bereits länger als „Kronprinz“. In seiner Zeit als Chef der Kernmarke VW mit Modellen wie Golf, Tiguan oder Passat hat er die Effizienz der lange Zeit ertragsschwachen Wolfsburger verbessert. Er scheut auch Konflikte mit dem Betriebsrat nicht und lag mit Betriebsratsboss Bernd Osterloh wegen des „Zukunftspakt“ genannten Sparprogramms im Clinch. Diess gilt in Teilen der Belegschaft aber auch als umstritten.

Den letzten grundlegenden Umbau hatte Volkswagen 2012 vollzogen. Damals hatte der Konzern unter anderem die Allianz seiner Nutzfahrzeug-Geschäfte vertieft, die Aktivitäten in China ausgebaut und Dutzende Management-Positionen neu besetzt – bei VW selbst, Audi, den leichten Nutzfahrzeugen, Bentley und in anderen Bereichen.

„Dieselgate“ erhöhte dann den Druck, weitere Kosten einzusparen. 2015 wurde eine Trennung von Konzern- und Markenfunktionen angeschoben. Die Verantwortung der Vertriebsregionen wurde ebenfalls gestärkt. So schuf VW eine eigene Marktregion Nordamerika, wo die Kernmarke lange der Konkurrenz hinterherfuhr. Später rief Müller die „Strategie 2025“ aus – ein Ziel war der Abbau des Zentralismus im VW-Reich.

Im Asien-Geschäft peilt der Wolfsburger Konzern auch eine Partnerschaft mit dem japanischen Lkw-Bauer Hino Motors an, der zum Erzrivalen Toyota gehört. Die beiden Unternehmen gaben eine Rahmenvereinbarung hierzu bekannt.

Personalvorstand Karlheinz Blessing, der frühere Chef von Saarstahl, muss seinen Posten räumen.
Personalvorstand Karlheinz Blessing, der frühere Chef von Saarstahl, muss seinen Posten räumen. FOTO: Philipp von Ditfurth / dpa
Der langjährige Vorstand für Beschaffung, Francisco Javier Garcia Sanz, verlässt VW auf eigenen Wunsch, hieß es.
Der langjährige Vorstand für Beschaffung, Francisco Javier Garcia Sanz, verlässt VW auf eigenen Wunsch, hieß es. FOTO: Jens Wolf / dpa
VW-Markenvorstand Herbert Diess wird der neue starke Mann an der Spitze des Autokonzerns.
VW-Markenvorstand Herbert Diess wird der neue starke Mann an der Spitze des Autokonzerns. FOTO: Andreas Arnold / dpa
Gunnar Kilian, Generalsekretär des Volkswagen-Betriebsrats, wird Personalvorstand.
Gunnar Kilian, Generalsekretär des Volkswagen-Betriebsrats, wird Personalvorstand. FOTO: Kay Nietfeld / dpa
Porsche-Vorstandschef Oliver Blume wechselt nach Wolfsburg und zieht in den VW-Vorstand.
Porsche-Vorstandschef Oliver Blume wechselt nach Wolfsburg und zieht in den VW-Vorstand. FOTO: Sebastian Gollnow / dpa