| 22:10 Uhr

VW kontert
Härtetest für den E-Auto-Vorreiter Tesla

 Bisher konnten Interessierte nur Prototypen des Model 3 sehen. 374 000 Vorbestellungen heimste Tesla ein. Jetzt beginnt die Serienproduktion.
Bisher konnten Interessierte nur Prototypen des Model 3 sehen. 374 000 Vorbestellungen heimste Tesla ein. Jetzt beginnt die Serienproduktion. FOTO: dpa / Justin Pritchard
Palo Alto/Wolfsburg. Jetzt wird es ernst: Tesla startet mit der Fertigung des Model 3 und drängt in den Massenmarkt. VW antwortet mit einer Kampfansage.

Für Tesla hat mit der Serienproduktion seines ersten günstigeren Wagens Model 3 am Freitag die bisher größte Bewährungsprobe begonnen. Der Firma von Tech-Milliardär Elon Musk gelang es zwar, die Nische teurer Elektroautos für zahlungskräftige Käufer zu besetzen. Jetzt muss sich aber zeigen, ob es dem Vorreiter gelingt, Elektromobilität zu einem Preis von 35 000 Dollar in den Massenmarkt zu bringen – und dabei auch noch nachhaltig profitabel zu werden.

Was die Erfolgsaussichten angeht, gehen die Meinungen der Experten auseinander. Tesla hat seit Gründung im Jahr 2003 zwar beachtliche Popularität erlangt. Ob das reicht, um es vom Nischen- zum Volumenhersteller zu bringen, muss sich aber erst zeigen. Fest steht: Die Herausforderungen sind größer als nur – wie vom ehrgeizigen Chef Musk vorgegeben – binnen zwei Jahren die Produktion von 84 000 auf eine halbe Million Fahrzeuge hochzuschrauben. Die vergangenen Tage zeigten, dass der Autobauer aus dem kalifornischen Palo Alto nicht länger hoffen kann, dass der kleine Markt für Elektrofahrzeuge eine geschützte Spielwiese bleiben wird.

Volvo – mit gut 530 000 gebauten Autos im vergangenen Jahr ziemlich genau so groß, wie Tesla bis 2018 werden will – gab als erste der etablierten Automarken bekannt, ab 2019 keine neuen Modelle ohne Elektromotor mehr einzuführen. Die Ankündigung war ein Paukenschlag, der Tesla-Aktionäre reichlich nervös machte. Der Antrieb der Zukunft ist elektrisch. Diese Erkenntnis scheint sich in der Autoindustrie langsam aber sicher durchzusetzen. Sollten die Platzhirsche in den Angriffsmodus schalten, könnte es für Tesla rasch enger werden.



Europas größter Autobauer Volkswagen hat bereits eine Kampfansage gemacht. „Da werden wir ihn stoppen, an der Linie von 30 000 Euro“, sagte der Chef der Volkswagen-Kernmarke VW, Herbert Diess. Ab 2020 sieht er den Durchbruch für die Elektromobilität voraus – mit dem Start des VW-Hoffnungsträgers ID. Das Design des ID sei fertig. Jetzt gehe es darum, das Fahrzeug wettbewerbsfähig zu machen: Der sogenannte Modulare Elektrobaukasten werde die Herstellung des Modells deutlich günstiger machen: „Wir kriegen dann ein Fahrzeug mit den Außenabmessungen des Golf, dem Interieur eines Passat und den Fähigkeiten eines Tesla zum Preis eines Diesels.“ Die Reichweite soll bei bis zu 600 Kilometern liegen.

Auch andere Hersteller erhöhen ihr Engagement: So gab Daimler jüngst eine Investition von 735 Millionen Dollar in die Elektroauto-Infrastruktur in China bekannt, ein Großteil des Geldes wird in die Batterieproduktion gehen. Von BMW wird auf der IAA im September eine elektrische Version der 3er-Reihe erwartet.

Noch vor ein paar Jahren war Tesla ein Exot, belächelt von gestandenen Automanagern. Doch auch wenn der Marktanteil von E-Autos bislang noch kaum ins Gewicht fällt. Gesetzliche Obergrenzen für Emissionen zwingen alle Hersteller über kurz oder lang zu alternativen Antrieben. Zuletzt stellte zudem Volkswagens Abgasbetrug den Diesel, das vermeintliche Effizienzwunder unter den Verbrennungsmotoren, in Frage. Und die 374 000 Vorbestellungen für Teslas Model 3 binnen weniger Tage belegten das große Interesse der Kundschaft. Inzwischen sei es völlig klar, dass Elektroantriebe die Verbrennungsmotoren verdrängen werden, sagt Branchenexperte Axel Schmidt von der Unternehmensberatung Accenture. Das bedeutet auch, dass Tesla auf lange Sicht jeden Autobauer zum direkten Konkurrenten bekommen wird. Kann es passieren, dass Tesla bei diesem Rennen die Rolle des Ausreißers zufällt, der lange vorneweg fährt, um am Ende vom restlichen Feld verschluckt zu werden? Die Branchenexperten sind gespalten. Diese Woche senkten die Analysten der US-Großbank Goldman Sachs den Daumen über der Tesla-Aktie und riet Anlegern, das Papier zu verkaufen. Der Absatz im ersten Halbjahr, bei dem die untere Grenze der selbstgesetzten Spanne von 47 000 bis 50 000 erreicht wurde, lasse vermuten, dass das Interesse an den bisherigen teuren Wagen Model S und Model X abflaue. Die Aktie verlor am Mittwoch gut sieben Prozent und weitere sechs Prozent am Donnerstag. Damit fiel der Börsenwert von Tesla wieder hinter den von GM zurück.

Accenture-Experte Schmidt sieht aber einen wichtigen Wettbewerbsvorteil für Tesla: Die eigene Batteriefertigung. „Zwar sinken die Batteriepreise derzeit, doch könnte sich das Angebot wegen steigender Nachfrage durch Massenproduktion von E-Autos in den kommenden Jahren stark verknappen. Tesla wäre dann mit seiner eigenen Batterieproduktion unabhängiger von nachfragebedingten Schwankungen bei Verfügbarkeit und Preis.“

(dpa)