| 22:27 Uhr

Gute Noten nach der Praktiker-Pleite

Die Praktiker-Zentrale in Kirkel: 2013 musste der Baumarkt-Konzern Insolvenz anmelden. Foto: Wolf
Die Praktiker-Zentrale in Kirkel: 2013 musste der Baumarkt-Konzern Insolvenz anmelden. Foto: Wolf FOTO: Wolf
Kirkel. Tausende Angestellte des Kirkeler Praktiker-Konzerns brauchten nach der Pleite 2013 einen neuen Job. Jetzt zeigt eine Studie: Mehr als zwei Drittel haben ihn gefunden. Die Transfergesellschaften haben funktioniert. Joachim Wollschläger

Als 2013 innerhalb weniger Wochen die Baumarkt-Ketten Praktiker und Max Bahr des Kirkeler Praktiker-Konzerns Insolvenz anmeldeten, stand für die Mitarbeiter vor allem die Frage nach der Zukunft im Raum. 15 000 Beschäftigte hatten die Baumarktketten damals. Ein Großteil der festangestellten Mitarbeiter hat wieder einen Job gefunden. Keine Erkenntnisse gibt es allerdings über den Verbleib der rund 5500 geringfügig Beschäftigten, die durch die Insolvenz kurzfristig ihre Arbeitsstelle verloren haben.

Das Bochumer Helex-Institut hat nun wissenschaftlich die Arbeit der insgesamt sechs Transfergesellschaften untersucht, die rund 8000 der Praktiker- und Max-Bahr-Mitarbeiter bei der Suche nach einem Job unterstützt haben. Das Ergebnis fällt überwiegend positiv aus: 69,3 Prozent der Praktiker- und Max-Bahr-Mitarbeiter fühlten sich gut oder sehr gut beraten. 64,9 Prozent waren mit den Leistungen insgesamt zufrieden oder sehr zufrieden.

Angesichts der kurzen Zeit, die den Transfergesellschaften zur Verfügung stand, sei das ein sehr gutes Ergebnis, schreiben die Helex-Forscher. "Abhängig von der Betriebszugehörigkeit hatten die Beschäftigten einen Anspruch auf drei bis sechs Monate Transfer. Gesetzlich möglich sind zwölf Monate", sagt Institutsleiter Gernot Mühge.

In der kurzen Zeit haben die Personal-Experten eine gute Erfolgsbilanz: Mit 67,6 Prozent hatten im Frühjahr 2015 mehr als zwei Drittel der Mitarbeiter einen neuen Job gefunden, ein Viertel der früheren Praktiker-Mitarbeiter bezog Arbeitslosengeld . Die Erfolgsquote ist auch insofern bedeutsam, als der Arbeitsmarkt im Handel im Jahr 2013 bereits durch die Schlecker-Insolvenz mit 25 000 Mitarbeitern wenige Monate zuvor stark belastet war. Von ihnen hatte nur knapp die Hälfte einen neuen Job gefunden. Jetzt drängten mit Praktiker weitere 15 000 Mitarbeiter in den Markt, von denen der Großteil zwischen 40 und 60 Jahren alt war.

Für die Koordinierungsstelle PCG Project Consult und die sechs Transfergesellschaften sei auch die extrem kurze Vorbereitungszeit in einem der größten Fälle in der Geschichte dieses Arbeitsmarkt-Instruments eine enorme Herausforderung gewesen, schreiben die Helex-Forscher. Ihnen standen nur wenige Wochen zur Verfügung, um Transferbüros im gesamten Bundesgebiet aufzubauen, Informationsveranstaltungen zu organisieren und Profile der Mitarbeiter zu erstellen. Es sei ein "immenser administrativer und organisatorischer Kraftakt" gewesen, stellen die Mitarbeiter des Bochumer Instituts fest. Dass sie diese Aufgabe gut gemeistert haben, zeigt die Bewertung der Beteiligten: 77,7 Prozent der Teilnehmer sagten Ende 2013, sie würden die Transfergesellschaft weiterempfehlen, 2014 stieg diese Zahl sogar auf 87,5 Prozent - ein Beleg, dass sich die Arbeit der Personalberater im Laufe der Zeit noch verbessert hat.

Die Zufriedenheit der Befragten hängt übrigens nicht von einer erfolgreichen Jobvermittlung ab: Auch bei den Mitarbeitern, die Arbeitslosengeld bezogen, waren 69,6 Prozent überzeugt, dass die Transfergesellschaft in der Praktiker-Insolvenz insgesamt einen guten Job gemacht haben.

Meinung:

Erfreuliche Bilanz

Von Merkur-MitarbeiterJoachim Wollschläger

Eine so hohe Erfolgsquote bei der Vermittlung der Praktiker-Mitarbeiter war 2013 kaum abzusehen. Vielmehr sah es bei der Pleite der Kirkeler Baumarkt-Kette eher düster für die Mitarbeiter aus. Schließlich war es zuvor gerade mal bei der Hälfte der 25 000 Schlecker-Beschäftigten gelungen, neue Arbeitsstellen zu finden. Um so höher ist die Arbeit der Transfergesellschaften bei Praktiker mit einer Vermittlungsquote von 70 Prozent zu bewerten. Sicher: Ein Viertel ist trotz der Bemühungen ohne Stelle geblieben - und jeder dieser Einzelfälle ist ein tragisches Schicksal. Für sie bleibt zu hoffen, dass der aktuell gute Arbeitsmarkt weitere Chancen eröffnet. Bitter ist vor allem das Schicksal der Mini-Jobber, die bei Insolvenz-Hilfen komplett außen vor bleiben.