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Brisante Betriebsversammlung
Große Sorgen um Zukunft von Ford Saarlouis

 Am Montag verkündet das Ford-Management möglicherweise das Aus für die Produktion des C-Max.
Am Montag verkündet das Ford-Management möglicherweise das Aus für die Produktion des C-Max. FOTO: rup
Saarlouis. Die Europa-Chefs kommen am Montag zur Betriebsversammlung. Die Mitarbeiter von Ford und der Zuliefer-Firmen sind in Alarmstimmung. Von Thomas Sponticcia

Hinter den Kulissen von Ford in Saarlouis brodelt es gewaltig. Die 6300 Mitarbeiter im Werk sorgen sich um ihre Arbeitsplätze. Das Ford-Management fordert von den Beschäftigten als Beitrag zur Rückkehr in die Gewinnzone noch 2019 das schnelle Ende der Produktion des C-Max sowie den Wegfall der dritten Schicht. Alleine davon wären 1600 Mitarbeiter betroffen. Doch auch im benachbarten Industriepark mit den Zulieferbetrieben herrscht inzwischen Alarmstimmung.

Allein in den tarifgebundenen Unternehmen im Ford-Zulieferpark sind mindestens 700 Stellen in Gefahr, sollte sich das Ford-Management mit seinen Plänen für die Produktionskürzung durchsetzen. Das habe eine Umfrage der Gewerkschaft in den Zulieferbetrieben ergeben, sagte Lars Desgranges, zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Völklingen. Zu dieser Zahl müsse man weitere bedrohte Arbeitsplätze in nicht tarifgebundenen Betrieben hinzurechnen. Die Rede ist von insgesamt bis zu 2500 betroffenen Mitarbeitern bei Ford und den Zulieferern in Saarlouis. Definitive Zusagen über eine längerfristige Bestandsgarantie des Werkes und eine künftige Modellpolitik wollte die Unternehmensleitung bisher nicht geben.

Deshalb richten sich alle Augen auf eine Betriebsversammlung am Montag, die für 12.30 Uhr angesetzt ist. Dazu soll das Spitzenmanagement von Ford-Europa anreisen, von dem man Klarheit über die künftige Strategie erwartet. Doch schon im Vorfeld dieses brisanten Termins läuft es selbst an der Spitze des Ford-Europa-Managements nicht mehr rund. Völlig überraschend wurde am Donnerstag bekannt, dass der 54-jährige Steven Armstrong als Europa-Chef die Zuständigkeit für das Tagesgeschäft und das Sanierungsprogramm an den Ford-Standorten abgeben wird. Ausgerechnet jener Armstrong, der das von der Unternehmenszentrale in Detroit verordnete Sanierungskonzept für die europäischen Fabriken möglichst schnell durchdrücken sollte. Und in dessen Folge auch das Werk Saarlouis massive Einschnitte zu verkraften hat. Über die Motive der Ablösung von Armstrong ist bisher nichts bekannt. Spekuliert wird jedoch, dass der Zentrale in Detroit die Umsetzung des Sanierungskonzepts an den deutschen Standorten nicht schnell genug geht.



Vieles spricht für diese Annahme, denn zuletzt hat sich selbst Ford-Deutschland-Chef Gunnar Herrmann mahnend in die Standortdiskussion eingeschaltet und ausdrücklich betont, er kenne die Ungeduld der Ford-Strategen in Detroit. Zugleich forderte er die Saarlouiser Belegschaft auf, den Sanierungskurs auf dem Weg in die schwarzen Zahlen zu unterstützen. Die Alternative sei, dass im schlimmsten Fall das Werk auf dem Spiel steht. Um das Tagesgeschäft und die schnelle Umsetzung des Spar- und Sanierungsprogramms an den Ford-Standorten soll sich jetzt der Engländer Stuart Rowley kümmern.

Unstrittig ist, dass gehandelt werden muss. Der operative Verlust im Europageschäft erreichte im Vorjahr alarmierende 350 Millionen Euro. Gegenüber 2017 brach das Ergebnis um knapp 680 Millionen Euro ein. Von Gewinnen und zufrieden­stellenden Verkaufszahlen ist man im Wettbewerb der Autohersteller weit entfernt, obwohl sich der in Saarlouis produzierte Focus als Aushängeschild gut verkauft. Seit Wochen ringen hinter verschlossenen Türen das Ford-Management und der Gesamtbetriebsrat um tragfähige Lösungen für die Standorte, auch für die deutsche Zentrale in Köln. Bisher ist nichts nach außen gedrungen.

Beobachter wundern sich schon länger, warum selbst ein neues, verjüngtes Modell des C-Max überhaupt keine Option für das Ford-Management war, um das Auto für Käufer attraktiver zu machen. Stattdessen soll mit dem Wegfall des C-Max auch die dritte Schicht in Saarlouis gestrichen werden, was zu Arbeitsplatzverlusten und dem Wegfall von finanziellen Zuschlägen führen würde. Prämien, auf die viele Mitarbeiter angewiesen sind. Auch deshalb sorgen die Forderungen des Managements für Zündstoff in der Belegschaft.

Noch stoßen die Forderungen des Managements auf heftigen Widerstand des Betriebsrats, der sich zudem auf eine mit dem Management vereinbarte Standort-Sicherungs-Vereinbarung beruft, die bis 2022 Kündigungen ausschließt und die dritte Schicht garantiert. Das Ford-Management will sich jedoch deutschlandweit von 5000 Beschäftigten trennen, um aus der Verlustzone herauszukommen.

Auch die Zulieferbetriebe im zum Werk angrenzenden Industriepark stellen sich inzwischen auf schlechte Nachrichten ein. Uwe Seiwert, Betriebsrat der ISL Automotive GmbH, rechnet damit, „dass das Management in der Betriebsversammlung am Montag eine Hiobsbotschaft verbreitet. Dass der C-Max und die Nachtschicht wegfallen, davon gehen wir alle inzwischen aus“, sagt Seiwert unserer Zeitung. In der Folge habe alleine ISL Automotive rund 70 Leute zu viel an Bord. „Für die versuchen wir schon konzernintern in unseren Schwesterunternehmen in Saarbrücken und Zweibrücken Beschäftigung zu finden.“

Nach Ansicht von Seiwert kann eine vernünftige Strategie für Ford in Saarlouis nur darin bestehen, sowohl neue Technologien als auch ein Nachfolgemodell für den Focus an den Start zu bringen, in den man die neuesten Technologien integriert. Das Werk Saarlouis hat aus seiner Sicht trotz der Probleme eine Zukunft. „Ich sehe es so, dass es weitergehen wird. Die zwei Jahre, die Ford angesetzt hat, um wieder in die Gewinnzone zu kommen, werden wir über uns ergehen lassen müssen. Irgendwann ist die Phase der Neuausrichtung aber abgeschlossen. Dann wird Saarlouis wieder gute Karten haben. Man darf die Hoffnung nie aufgeben. Der Focus verkauft sich gut.“ Die ISL Automotive GmbH liefert für den Focus die Fensterscheiben und für den C-Max Kunststoffteile, die im Cockpit verbaut sind. Zudem übernimmt der Zulieferer die Neuwagen-Auslieferung für Ford.

Pessimistischer äußert sich Betriebsrat Guido Dann vom Zulieferer HP Helmut Pelzer GmbH. Auch er fordert ein Nachfolgemodell für den C-Max und die Beibehaltung des Drei-Schicht-Betriebs. „Sonst müssen auch wir Personal entlassen.“ Das Ford-Management fahre jedoch einen knallharten Kurs und lasse sich nicht beeinflussen. „Als Zulieferer haben Sie keine Macht“, stellt Dann ernüchtert fest. Die HP Helmut Pelzer GmbH sorgt für die Schallisolierung des Focus und des C-Max.

Die IG Metall setzt noch auf eine Einigung zwischen der Ford-Unternehmensspitze und dem Gesamtbetriebsrat. Doch vorsorglich gibt es auch einen Plan B. Lars Desgranges betont: „Wir warten die Betriebsversammlung und auch das ausstehende Verhandlungsergebnis ab. Wir sind jedoch auch sehr gut organisiert. Wenn das Management uns mit dem Rücken zur Wand stellt, dann werden wir den Existenzkampf um das Werk führen“, kündigt der Gewerkschafter an. Eindeutiges Ziel sei jedoch etwas anderes: „Wir wollen für das Werk Saarlouis und seine Beschäftigten eine klare Zukunftsperspektive.“

 Lars Desgranges, noch zweiter, ab Mai erster Bevollmächtigter der IG Metall Völklingen
Lars Desgranges, noch zweiter, ab Mai erster Bevollmächtigter der IG Metall Völklingen FOTO: Ruppenthal