| 20:31 Uhr

Gastbeitrag Hagen Lesch, IW
„Der Flächentarifvertrag vergisst den Mittelstand“

 Hagen Lesch, Tarifexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.
Hagen Lesch, Tarifexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. FOTO: IW / Dennis Strassmeier
Köln. Vor allem mittelständische Betriebe können mit dem Flächentarifvertrag nicht viel anfangen. Während über 70 Prozent der Betriebe mit 500 und mehr Beschäftigten Flächentarifverträge anwenden, entscheidet sich nur weniger als jeder dritte Betrieb mit weniger als 50 Mitarbeitern für eine Flächentarifbindung. Von Hagen Lesch

Das Institut der deutschen Wirtschaft hat im Herbst 2017 mehr als 1500 Unternehmen in der Metall- und Elektroindustrie nach ihrer Einstellung gefragt. Von tarifgebundenen Unternehmen waren immerhin 66 Prozent mit ihrer Flächentarifbindung insgesamt zufrieden. Das gilt aber vor allem für die größeren Unternehmen und solche, die der Automobilbranche angehören. Kleine und mittlere Betriebe waren weniger zufrieden, vor allem jene in der Herstellung von Metallerzeugnissen. Kritisch bewertet werden vor allem die Entgelte, aber auch die Arbeitszeit. Im Westen ist die 35-Stunden-Woche in den Augen vieler Unternehmen nicht mehr zeitgemäß. Zwar gibt es verschiedene Möglichkeiten, einen Teil der Beschäftigten länger arbeiten zu lassen. Diese Möglichkeiten reichen aber vielen Firmen nicht aus.

Anders sieht das bei Unternehmen mit Haustarifverträgen aus. Sie sind deutlich zufriedener als Unternehmen im Flächentarifvertrag. Die IG Metall scheint den Unternehmen im Haustarifvertrag vielfach passgenauere Tarifregelungen zu gewähren als den Unternehmen im Flächentarifvertrag. Nur 16 Prozent der Unternehmen ohne Tarifbindung können sich vorstellen, sich an den Flächentarifvertrag zu binden. Auch ihnen sind die Entgelte zu hoch und die Arbeitszeitregelungen zu starr. Zudem schreckt die zunehmende Komplexität der Tarifverträge ab. Soweit der negative Blick des Mittelstandes.

Tatsächlich enthält der Flächentarifvertrag aber viele flexible Elemente. Er ist nicht so starr, wie sie ihn sehen. Entscheidend aber ist seine Wahrnehmung. Sie führt dazu, dass sich auch in der Metall- und Elektroindustrie immer weniger Firmen an ihn binden wollen. Genau hier müssen die Tarifparteien ansetzen.



Würde allen Unternehmen der Flächentarifvertrag übergestülpt, hätte dies erhebliche Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit. Denn wettbewerbsfähig ist die Branche nur, weil es eine Mischung aus tarifgebundenen und tariffreien Unternehmen gibt. Tariffreie Unternehmen lassen ihre Beschäftigten im Schnitt 2,3 Stunden pro Woche länger arbeiten und sie zahlen im Durchschnitt 19 Prozent weniger. Müssten sie alle den Tariflohn zahlen, würden die Lohnkosten der Branche insgesamt um acht Prozent zunehmen. Im Mittelstand und in Ostdeutschland wäre der Anpassungsbedarf noch viel größer. Kein gutes Szenario, denn das hätte im Endeffekt auch Auswirkungen auf die Beschäftigung.

Die tarifpolitische Botschaft daraus lautet: Der Flächentarifvertrag muss wieder stärker Mindestbedingungen vorgeben und den Mittelstand in den Fokus der Tarifverhandlungen stellen. Er stellt 95 Prozent aller Betriebe in der Metall- und Elektroindustrie. Eine IG Metall, die den Mittelstand abschreckt und somit rund die Hälfte aller Arbeitnehmer vergisst, wird unweigerlich im Häuserkampf enden. Daran zu erinnern, ist die Pflicht der Arbeitgeberverbände. Denn auch sie wollen den Flächentarifvertrag erhalten.

Hagen Lesch ist Tarifexperte des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Angestoßen wurde die tarifpolitische Debatte durch den Arbeitgeberverband Gesamtmetall. Sein Präsident Rainer Dulger stellte jüngst bei seiner Kritik an der Strategie der Gewerkschaft auch den Flächentarif in Frage. Wenn alle Unternehmen die Tarifbindung verließen, könne die Gewerkschaft zusehen, „wie sie sich im Häuserkampf durchschlägt“, hatte Dulger gesagt.