| 20:15 Uhr

Flüchtlinge im Arbeitsmarkt
Vom Lehrerpult in die Ausbildung

 Sawsan Mohammad, Kaysa-Ingrid Matias und Falak Heyder (von links) mit Kindern im Mütterzentrum des SOS-Kinderdorfs in Saarbrücken. Alle drei absolvieren eine Ausbildung in der Einrichtung.
Sawsan Mohammad, Kaysa-Ingrid Matias und Falak Heyder (von links) mit Kindern im Mütterzentrum des SOS-Kinderdorfs in Saarbrücken. Alle drei absolvieren eine Ausbildung in der Einrichtung. FOTO: Rich Serra
Saarbrücken. Ein Projekt der Bundesagentur für Arbeit ermöglicht es Migrantinnen, eine Ausbildung zur Erzieherin zu absolvieren. Von Joachim Wollschläger

In ihrer Heimat stand Sawsan Mohammad selber als Lehrerin vor einer Klasse. Jetzt drückt sie in Saarbrücken die Schulbank. Wie sich das anfühlt? „Leichter“, sagt sie. „Weil ich weiß, was die Lehrer wollen und sie verstehe.“ Mohammad macht beim SOS Kinderdorf eine berufsbegleitende Ausbildung zur Erzieherin. Die 46-Jährige ist vor knapp vier Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen, war zuvor mit ihren Kindern noch in der Türkei. Jetzt sucht sie hier nach einer beruflichen Zukunft.

„Sawsan ist ein typischer Fall für unser Baffis-Projekt“, sagt Margot Schons, Beauftragte für Chancengleichheit im Jobcenter des Regionalverbandes. „Sie hat eine qualifizierte Ausbildung, auf der sie hier aufbauen kann.“

Baffis steht für „Berufliche Aktivierung von Frauen mit Fluchthintergrund in Sozialberufe“. Ziel des Programms ist es, Frauen, die schon in Syrien einen pädagogischen, psychologischen oder auch theologischen Hintergrund hatten, hier eine Arbeit als Erzieherin zu ermöglichen. Sawsan war über ihre Beraterin im Jobcenter Völklingen auf die Möglichkeit aufmerksam geworden, über das Baffis-Programm eine Ausbildung zu starten.



Auch Falak Heyder ist über ihr Jobcenter zu Margot Schons gekommen, die ihr vor gut zwei Jahren die Teilnahme an Baffis angeboten hat. Heyder war wie Mohammad in Syrien Lehrerin, wusste in Deutschland erst einmal nicht, was sie machen sollte. „Für Syrer ist es als Fremde in Deutschland erst einmal schwierig, einen Weg für sich zu finden“, sagt sie. „Man braucht dafür Hilfe.“ Heyder war nach ihrer Flucht aus Syrien Ende 2014 erst einmal in einem Integrationskurs untergebracht. „Dann habe ich ein Jahr verloren, weil ich nicht wusste, was ich machen kann“, sagt sie. Im Rahmen des Baffis-Prgramms hat sie sechs Monate in der Nachmittagsbetreuung in der Marienschule gearbeitet, seit August hat sie einen Arbeitsvertrag beim SOS-Kinderdorf in Saarbrücken und macht berufsbegleitend die Ausbildung zur Erzieherin.

Das SOS-Kinderdorf in Saarbrücken ist der Kooperationspartner für die Baffis-Ausbildung zur Erzieherin. An drei Tagen arbeiten die Frauen in den Betreuungsgruppen, gehen in Familien, spielen mit Kindern. Das Kinderdorf in Saarbrücken unterhält unter anderem Wohngruppen, ein Mütterzentrum, bietet Jugendarbeit und Streetworking an. Zwei Tage müssen die Frauen die Schulbank drücken. Und haben dort neben Sprachkursen auch ganz normale Fächer wie Mathematik oder Musik.

Über das Baffis-Programm ist auch Kaysa-Ingrid Matias zum SOS-Kinderdorf gekommen. Anders als Heyder und Mohammad macht sie keine Ausbildung zur Erzieherin, sondern hat sich für ein duales Studium entschieden. In Kooperation mit der Beufsakademie für Gesundheit und Soziales studiert sie Sozialarbeit mit dem Schwerpunkt Seniorenarbeit. Matias war 2007 aus Rumänien nach Deutschland gekommen, hatte hier studiert, konnte aber ein in England vorgeschriebenes Praktikum nicht machen, weil sie als Rumänin keine Arbeitserlaubnis bekam. Sie habe sich dann entschieden, einen Sozialberuf zu lernen, sagt sie.

Die berufsbegleitende Ausbildung ermögliche ihnen allen künftig, mit einer höheren Qualifizierung zu arbeiten. „Als pädagogische Fachkraft können sie nur in Teilbereichen wie der Nachmittagsbetreuung arbeiten“, sagt Tanja Klingler vom SOS-Kinderdorf. „Als Erzieherin haben sie einen Beruf, in dem sie sehr begehrt sind und von dem sie leben können“, sagt sie. Auch im Kinderdorf stehe ihnen mit hoher Wahrscheinlichkeit eine berufliche Zukunft offen. „Wir freuen uns natürlich, wenn wir Fachkräfte bekommen, die auf hohem Niveau ausgebildet sind“, sagt Klingler.

Heyder und Mohammad sind zwar primär vor dem Krieg in Syrien nach Deutschland geflüchtet, sie würden aber gerne hier bleiben. „In Syrien waren wir über vier Generationen Fremde, weil meine Familie ursprünglich aus Tscherkessien im Kaukasus stammt. Dann kann ich genau so gut auch hier fremd sein“, sagt Mohammad pragmatisch. Und Heyder, die als Kurdin in Syrien auch zu einer Randgruppe gehörte, hofft nun, hier eine Heimat zu finden. Eines würde sie sich noch wünschen: Mehr Kontakt zu Deutschen. Doch die seien noch etwas zurückhaltend. „Das liegt aber sicher auch an der Sprache und wird sich noch ändern“, sagt sie.