| 20:26 Uhr

Börsenexperte erklärt Kursturbulenzen
„Die größten Probleme kommen noch auf uns zu“

 Börsenhändler und Aktionäre sind angesichts großer Kursstürze ziemlich ratlos. Eine deutliche Erholung der Kurse ist wegen der zahlreichen Auswirkungen durch das Corona-Virus auf die Wirtschaft nicht in Sicht.
Börsenhändler und Aktionäre sind angesichts großer Kursstürze ziemlich ratlos. Eine deutliche Erholung der Kurse ist wegen der zahlreichen Auswirkungen durch das Corona-Virus auf die Wirtschaft nicht in Sicht. FOTO: dpa / Andreas Arnold
Berlin. Der Präsident des Bayerischen Finanz-Zentrums rechnet das gesamte Jahr mit Auswirkungen durch Corona an den Börsen. Von Stefan Vetter

Das Corona-Virus lässt die Aktienkurse weltweit in den Keller rauschen. Alleine der deutsche Leitindex Dax hat seit Mitte Februar rund 40 Prozent seines Wertes eingebüßt. Der Präsident des Bayerischen Finanz-Zentrums, Wolfgang Gerke, rechnet mit einer weiteren Verschärfung der Lage an den Finanzmärkten.

Herr Gerke, ist die Talsohle an den Börsen erreicht?

GERKE Nein. Es wird sicher auch wieder Phasen der Erholung geben. Aber die größten Probleme im Zusammenhang mit dem Virus kommen erst noch auf uns zu.



Woraus schließen Sie das?

GERKE In den ersten beiden Quartalsbilanzen der Unternehmen werden wir so richtig sehen, wie das Virus zugeschlagen hat. Auch das öffentliche Leben kommt immer mehr zum Erliegen. Taxifahrer klagen, dass sie keine Kunden mehr haben, die zu Konferenzen gefahren werden wollen. Die Luftfahrtindustrie leidet und vieles mehr. All das deutet darauf hin, dass die Börsen diesmal – anders als beim Sars – ein längerfristiges Szenario ohne nachhaltige Aufhellung erleben werden.

In welchen Zeiträumen denken Sie?

GERKE Diese Krise wird die Börsen über das gesamte Jahr belasten. Vor dem Hintergrund, was die Virologen uns sagen, wird das alles noch sehr folgenschwere Konsequenzen für die Wirtschaft haben. Weltweite Schäden inbegriffen.

So gesehen hätte Corana für eine Eindämmung der Kursübertreibung gesorgt.

GERKE Richtig. Ich habe auch schon vor Corona gesagt, dass es mit den immer neuen Rekordständen nicht so weiter geht und sich Anleger darauf einstellen müssen, dass die Märkte zur Besinnung kommen. Diese Höchststände waren auch ohne Corona fundamental nicht mehr gerechtfertigt.

Andererseits ist jetzt aber auch eine Menge Panik mit im Spiel, oder?

GERKE Sicher ist Angst im Markt. Auf der anderen Seite ist da aber auch die Realwirtschaft, die jetzt abschmiert. Durch den Ausfall von Nachfrage, Lieferketten und Produktion wird sie dramatisch beeinträchtigt. Insofern hat die Panik auch eine fundamentale Begründung.

Sollte man jetzt Aktien kaufen, da sie so billig sind?

GERKE Das ist nur etwas für Leute, die ein dickes Fell haben. Keiner weiß, wie weit die Kurse noch runter gehen. Wer sich trotzdem darauf einlässt, sollte nur überschaubare Beträge anlegen. Besser ist es, permanent zu investieren. Denn man wird nie den besten Einsteige- und den besten Aussteige-Punkt finden. Ich gehe davon aus, dass die Kurse zwischenzeitlich hochgehen, weil es einige Mutige gibt. Aber die wirtschaftlichen Daten werden über einen längeren Zeitraum so schlecht ausfallen, dass die Börsen noch stark leiden dürften.

 Wolfgang Gerke, Präsident des Bayerischen  Finanz-Zentrums
Wolfgang Gerke, Präsident des Bayerischen Finanz-Zentrums FOTO: picture alliance / Eventpress / dpa Picture-Alliance / Eventpress Stauffenberg