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Europäische Ratingagentur vor dem Aus?

München. Kaum jemand gilt als besser vernetzt in der deutschen Wirtschaft als die Unternehmensberatung Roland Berger

München. Kaum jemand gilt als besser vernetzt in der deutschen Wirtschaft als die Unternehmensberatung Roland Berger. Dennoch ist es den Münchner Netzwerkern nicht gelungen, 300 Millionen Euro Startkapital für eine europäische Ratingagentur als Antwort auf die Vorherrschaft des US-Dreigestirns Standard & Poor's, Moody's und Fitch aufzutreiben, sagte gestern eine Berger-Sprecherin und bestätigte damit einen Bericht der "Financial Times Deutschland". Es gebe "keine konkreten Zusagen für angemessene finanzielle Beiträge"."Das Vorhaben ist gescheitert, so sieht es aus", urteilt ein Insider aus der Finanzbranche. Auch andere Experten sind skeptisch. "Jede neue Ratingagentur hätte eine lange Durststrecke vor sich", warnt Volkswirt Hanno Beck von der Hochschule Pforzheim. Wie lange ein Neuling brauchen würde, um das nötige Vertrauen aufzubauen und finanziell auf eigenen Beinen zu stehen, gilt als kaum kalkulierbar. Ob 300 Millionen Euro Startkapital reichen, weiß niemand genau. Das lässt Geldgeber zurückschrecken. "Das war von Anfang an ein politisches Projekt, aus der Wirtschaft hat das niemand gefordert", sagt ein Rating-Experte. Doch machen nicht nur europäische Politiker die drei US-Ratingagenturen für die Finanzkrise von 2008 mitverantwortlich, weil sie späteren Schrottpapieren zunächst Bestnoten gegeben hatten. EU-Politiker unterstellen dem US-Trio im Zuge der Schuldenkrise diverser EU-Staaten auch, in ihren Länderratings diesseits und jenseits des Atlantiks mit zweierlei Maß zu messen. Beweise dafür gibt es nicht.

Eine europäische Ratingagentur sollte ein Gegengewicht zur Führungsrolle des US-Trios bilden. Für den Aufbau im Zuge eines Stiftungsmodells wollte Berger vor allem Gelder deutscher und französischer Banken eintreiben. 30 Investoren aus diesem Kreis, die je zehn Millionen Euro beisteuern sollten, waren angedacht. Aber die Banken und auch der Spitzenverband der deutschen Industrie BDI zeigen sich reserviert. Offiziell gibt Berger noch nicht auf. "Wir verhandeln weiter und halten das Projekt weiter für richtig", sagte eine Sprecherin. Ein Scheitern wäre bedauerlich, sagte ein Sprecher der Bundesregierung. "Das wäre eine fatale Fehlentwicklung", warnte FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle. Weder Bund noch EU wollen und können aber eine solche Agentur finanzieren, weil das den Verdacht zu großer Staatsnähe aufkommen lässt.

Die EU hat die Ratingagenturen bereits unter stärkere Überwachung gestellt. Zuständig ist dafür die Aufsichtsbehörde ESMA. Die EU hatte im Herbst zusätzliche Pläne vorgestellt, die die Agenturen aber ablehnen. Sie sehen unter anderem vor, dass Unternehmen den Anbieter von Ratings regelmäßig wechseln müssen, damit Interessenkonflikte ausgeschlossen sind. tmh/dpa