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Chemie-Plattform Carling
Ein zweites Leben für den Joghurt-Becher

Maxime Hauvuy, Total-Mitarbeiter in Carling, prüft die Qualität des Polystyrol-Granulats.
Maxime Hauvuy, Total-Mitarbeiter in Carling, prüft die Qualität des Polystyrol-Granulats. FOTO: MICHEL LABELLE / Total Petrochemicals
Carling. Total gelingt am lothringischen Standort Carling der Durchbruch bei der industriellen Wiederverwertung von Polystyrol. Von Hélène Maillasson

Von den meisten Nachbarn wird Total Petrochemicals France (TPF) mit Skepsis beäugt. Vorwürfe wegen schädlicher Auswirkungen auf die Umwelt stehen immer wieder im Raum. Jetzt macht das Chemie-Unternehmen allerdings mit einer Technik Furore, die offenbar einen Gewinn für die Umwelt bringen kann. Dabei geht es um Polystyrol, jenem Stoff, aus dem zum Beispiel Joghurtbecher hergestellt werden.

Auch wenn man Polystyrol in ziemlich jedem Bereich des Alltagslebens begegnet, hat der Stoff ein ziemlich mieses Image. Zu Recht, denn in puncto Umweltverträglichkeit schneidet er relativ schlecht ab. Wegen der Verschmutzung und Vermischung mit anderen Stoffen ist es bisher nur in geringeren Mengen möglich, Polystyrol zu recyceln. Doch im vergangenen November ist es Total in Carling erstmals gelungen, 60 Tonnen Polystyrol zu produzieren, die zu zehn Prozent aus recyceltem Polystyrol bestehen. Nach Unternehmensangaben war es eine weltweite Premiere. „Wir haben den Durchbruch für die industrielle Produktion geschafft“, freut sich Renaud Dernoncourt, Leiter des Bereichs Polymere bei Total in Carling. „Das ist das erste Mal, dass so viel neues Polystyrol auf Basis gebrauchter Objekte aus dem Haushalt hergestellt wird.“

Als Rohstoff werden Kunststoff-Konfetti genutzt. Gebrauchte Joghurt-Becher, Plastikgeschirr oder Kunststofffolien, die von den Verbrauchern im gelben Sack entsorgt werden, landen im Wertstoffhof, wo sie aussortiert werden. Von dort aus geht die Reise zu einem weiteren Unternehmen, wo sie einer intensiven Reinigung unterzogen und anschließend zerkleinert werden. Dieser Betrieb verkauft dann die daraus entstehenden Konfettis an Total.



Doch damit ist es nicht getan, denn um aus altem Polystyrol neues zu machen, muss dieses zu 100 Prozent rein sein. „Und genau in dieser Etappe liegt unser Erfolg. Wir haben eine Technologie entwickelt, die das reine Polystyrol von dem Rest löst“, sagt Dernoncourt. Und der Versuch im November soll erst der Anfang sein. 2019 möchte Total Polystyrol mit einer recycelten Basis regulär produzieren und dabei den Anteil an wiederverwertetem Stoff erhöhen. „Wir wollen einen positiven Kreislauf in Gang setzen. Mit der Wiederverwertung von Polystyrol senken wir unsere CO2-Bilanz und gehen sparsamer mit Rohstoffen um“, sagt der Bereichsleiter. Gelingt die Massenproduktion, verspricht sich Total davon nicht nur Effekte für den Umweltschutz, sondern handfeste wirtschaftliche Vorteile – auch wenn das Unternehmen dazu keine näheren Angaben machen möchte.

Doch damit die Produktion im kommenden Jahr starten kann, erwartet das Unternehmen, dass auch weitere Akteure des „positiven Kreislaufs“  mitziehen. „Die Verbraucher müssen noch weiter sensibilisiert werden, damit sie ihren Müll besser trennen. Auch die Reinigungs- und Zerkleinerungstechniken müssen weiter entwickelt werden“, sagt Dernoncourt. Und natürlich braucht Total Abnehmer für das Polystyrol auf recycelter Grundlage. Denn das Polystyrol-Granulat, das im November in Carling produziert wurde, ist grau. Im Gegensatz zum weißen Polystyrol, das ausschließlich aus dem Rohstoff Styrol und ohne recycelten Anteil hergestellt wird. Ob grau oder weiß, beide Granulat-Arte verfügen über die gleichen mechanischen Eigenschaften, versichert Dernoncourt.  Jetzt beginnt also für Total die Suche nach Kunden.

Polystyrol ist eines der Hauptprodukte von Total in Carling. „Wir produzieren hier zwei Arten von Polystyrol: die schlagfeste, die zum Beispiel für Joghurt-Becher oder Kühlschränke genutzt wird, und die durchsichtige, die als Grundlage für Einweg-Produkte oder CD-Hüllen dient“, erklärt Dernoncourt. Mit einer jährlichen Produktion von 260 000 Tonnen ist der lothringische Standort innerhalb der Unternehmensgruppe der größte Polystyrol-Hersteller in Europa. Von Carling aus wird das weiße feste Granulat in ganz Nordeuropa exportiert; ein Großteil davon geht nach Deutschland.