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Schweinezucht
Dürfen Ferkel auch weiter ohne Betäubung kastriert werden?

Züchter kastrieren ihre Ferkel, damit deren Fleisch nicht unangenehm riecht.
Züchter kastrieren ihre Ferkel, damit deren Fleisch nicht unangenehm riecht. FOTO: dpa / Carmen Jaspersen
Osnabrück. Die Schweinezüchter klagen, dass die Politik sie im Regen stehen lasse, etwa bei der wichtigen Frage nach der Kastration von Ferkeln. Von Elmar Stephan, Tobias Fuchs und Gerrit Dauelsberg

Die konventionellen Schweinezüchter in Deutschland schlagen Alarm: Mehr als die Hälfte der Ferkelerzeuger denke daran, in den nächsten zehn Jahren hinzuwerfen, sagt die Lobby-Organisation Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) und beruft sich auf eine Mitgliederbefragung. Das betreffe vor allem kleine Betriebe. In Süddeutschland sollen es sogar 60 Prozent sein. Ihre Klage: Die Politik lasse die Betriebe bei wichtigen Entscheidungen im Regen stehen. Wie vom kommenden Jahr an mit der Kastration von Ferkeln verfahren werden soll, ist ebenso unklar, wie die Frage, welche Regeln künftig bei der Haltung von Sauen gelten sollen.

Welche Probleme beklagen die Bauern?

Die Schweinehalter treibt derzeit unter anderem die Frage der Kastration um. Dabei geht es um die neugeborenen männlichen Schweine, die in der konventionellen Landwirtschaft kurz nach der Geburt oft ohne Betäubung kastriert werden. Damit soll unter anderem der als unangenehm empfundene Ebergeruch des Fleischs vermieden werden. Die betäubungslose Kastration wird nach derzeitigem Stand in Deutschland ab Anfang 2019 verboten sein. Allerdings gibt es Bestrebungen, diese Frist zu verlängern.



Wer spricht sich für eine Fristverlängerung aus?

Nach einem Bericht des „Spiegel“ will Bayern Anfang September im Bundesrat den Antrag stellen, das Inkrafttreten des novellierten Tierschutzgesetzes bis Ende 2023 auszusetzen. Offenbar hat der Freistaat dabei auch die Länder Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und Baden-Württemberg auf seiner Seite. Niedersachsen hat sich nach einem Bericht des Agrarfachmagazins „top agrar“ allerdings für eine Fristverlängerung von nur drei Jahren ausgesprochen.

Welche Position hat das Saarland in dieser Frage?

Wie das Landwirtschaftsministerium mitteilt, stimmt auch Minister Reinhold Jost (SPD) einer Fristverlängerung zu, allerdings nicht in einem Umfang von fünf Jahren, sondern „so kurz wie möglich“. Das Ministerium verweist in diesem Zusammenhang auf laufende wissenschaftliche Untersuchungen zur schmerzfreien Kastration von Ferkeln. Die Auswertung dieser Untersuchungen solle abgewartet werden. Folgen die im „Spiegel“-Bericht genannten Länder tatsächlich dem Vorstoß Bayerns, könnte mit den drei Stimmen des Saarlandes eine Mehrheit für eine Fristverlängerung erreicht werden.

Werden Ferkel beim Kastrieren bislang denn gar nicht betäubt?

Doch, in Biobetrieben und beim Neuland-Programm betäubt sie der Tierarzt. In der konventionellen Landwirtschaft ist das nicht üblich. Die Ferkel bekommen Schmerzmittel, aber keine Betäubung.

Was ist das Problem mit der Betäubung?

Auf den Biobetrieben übernimmt der Tierarzt die Betäubung. Wenn alle konventionellen Betriebe nach dieser Methode betäuben wollten, gäbe es laut ISN zu wenige Tierärzte. Und es entstünden Zusatzkosten von fast sechs Euro pro Ferkel.

Welche Alternativen zur Vollnarkose gibt es?

Es gibt mehrere Alternativen: Eine Möglichkeit wäre eine Art Impfung gegen den Ebergeruch bei unkastrierten Tieren. Doch die Branche sagt, dass es angeblich kaum Absatzmärkte für dieses Fleisch gibt. Konventionelle Landwirtschaft und Fleischindustrie würden am liebsten eine lokale Betäubung praktizieren, die ohne Tierarzt vorgenommen wird. Tierschützer und viele Tierärzte lehnen das ab – das bedeute zu viele Schmerzen für die Tiere.

Saar-Landwirtschaftsminister Jost sieht „nach jetzigem Stand“ die lokale Betäubung als „gangbaren Weg“ an. „Bei einer Entscheidung müssen in jedem Fall Praktikabilität und Wirksamkeit im Vordergrund stehen“, so Jost.