| 22:31 Uhr

Interview Simon Junker
„Die deutsche Wirtschaft ist gut in Schuss“

Simon Junker ist Konjunktur­experte des Deutschen 
Instituts für Wirtschafts­forschung.
Foto: DIW
Simon Junker ist Konjunktur­experte des Deutschen Instituts für Wirtschafts­forschung. Foto: DIW FOTO: DIW
Berlin. Der DIW-Experte sieht derzeit keinen Grund, sich Sorgen um die Konjunktur zu machen. Doch das könnte sich ändern. Von Stefan Vetter

Die deutsche Wirtschaft ist erstmals seit 2015 wieder leicht geschrumpft. Das Bruttoinlandsprodukt ging im dritten Quartal um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal zurück. Der Konjunkturexperte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Simon Junker, warnt aber vor Panikmache.

Herr Junker, ist der Aufschwung vorbei?

Nein. Der Aufschwung tritt eher in eine Phase der Normalisierung. Das heißt, die Überauslastung der Kapazitäten in vielen Bereichen dürfte nach und nach zurückgehen. Dann ist die deutsche Wirtschaft aber trotzdem noch gut in Schuss. Außerdem war das dritte Quartal von Sondereffekten geprägt.



Soll heißen?

Die deutsche Automobilindustrie als ein zentraler Wirtschaftsfaktor in der Bundesrepublik ist wegen der strengeren Prüfvorgaben der EU bei den Abgaswerten zuletzt regelrecht ausgebremst worden. Allerdings nur vorübergehend.

Gibt es noch andere Gründe für die gesunkene Wirtschaftsleistung?

Die sich abschwächende Konjunktur hat hat auch mit der weniger überbordenden Auslandsnachfrage zu tun. Im vergangenen Jahr war das noch anders. Nun kühlt sich die Konjunktur auch in anderen Euro-Ländern langsam ab, ohne dass dies aber zu Einbrüchen oder gar einer Rezession führt.

Wie ist Deutschland politisch auf eine weniger rasante Konjunktur vorbereitet?

Mehr schlecht als recht, würde ich sagen. Im Bundeshaushalt liegt der Schwerpunkt auf dem Konsum. Denken wir nur an die Rentenverbesserungen oder die Rückkehr zur paritätischen Beitragsfinanzierung. Dagegen steht die Wirtschaftspolitik weniger gut da. Strukturelle Verbesserungen sucht man vergebens. Die gute Konjunktur ist dann auch eher ein Teilverdienst früherer Reformen.

Die Bundesregierung will jetzt aber Milliarden in die Digitalisierung und die Erforschung künstlicher Intelligenz stecken. Ist das nichts?

Sicher steckt in diesem Bereich ein riesiges wirtschaftliches Potenzial. Aber man wird das Gefühl nicht los, dass die Politik hier schon viel eher hätte aufwachen müssen. Schrittmacher auf diesem Feld sind Asien und die USA. Nun kommt es darauf an, ob Deutschland aufschließen kann.

Italien hält entgegen allen EU-Forderungen weiter an seiner Schuldenpolitik fest. Was kommt da auf Deutschland zu?

Das weiß seriös noch keiner. Es handelt sich ja um ein schwebendes Verfahren. Jetzt ist die EU wieder am Zug. Fest steht, dass Italien volkswirtschaftlich zu groß ist, um mal eben gerettet zu werden. Letztlich kann aber auch die italienische Regierung kein Interesse an viel höheren Zinsaufschlägen für Kredite haben. Und die kämen unweigerlich, wenn Rom nicht von seiner Schuldenpolitik abrückt. So betrachtet haben die Märkte mehr Druckmittel gegenüber Italien in der Hand als die EU-Kommission.

Immerhin scheint sich beim Brexit eine Entspannung abzuzeichnen...

Da wäre ich noch sehr vorsichtig. Bleibt Großbritannien in der Zollunion? Was passiert konkret an der Grenze zwischen Irland und dem britischen Nordirland? Da sind noch viele Fragen ungeklärt. Und ein Vertrag muss auch noch durch das britische Parlament. Zur Beruhigung der Märkte oder verunsicherter deutscher Investoren ist der aktuelle Verhandlungsstand jedenfalls nicht angetan.

Die Fragen stellte Stefan Vetter