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Fluggesellschaften
Die wilden Jahre sind bei Ryanair vorbei

Die irische Airline Ryanair verfügt inzwischen über eine Flotte von 430 Flugzeugen.
Die irische Airline Ryanair verfügt inzwischen über eine Flotte von 430 Flugzeugen. FOTO: Niall Carson / dpa
Frankfurt. Die irische Fluggesellschaft galt bisher als harter und unsozialer Arbeitgeber. Doch die Gewerkschaften erhöhen den Druck.

Die irische Hölle muss wohl zugefroren sein, denn der Billigflieger Ryanair übernimmt fremde Fluggesellschaften und verhandelt inzwischen mit Gewerkschaften. Was Firmenchef Michael O‘Leary mit seinem Höllenzitat noch vor kurzer Zeit für unmöglich erklärt hatte, nimmt immer deutlichere Formen an.

Ryanair hat mit rund 430 Flugzeugen, 130 Millionen Passagieren pro Jahr und mehr als 14 000 Beschäftigten eine Größe erreicht, die nicht mehr so hemdsärmelig geführt werden kann wie in den wilden Anfangsjahren. Die fortschreitende Konzentration an Europas Himmel führte zudem dazu, dass sich O‘Leary eine Übernahmegelegenheit wie die österreichische Laudamotion nicht entgehen lassen konnte.

Erste Nutznießer des Kurswechsels sind die rund 4000 Ryanair-Piloten, die sich europaweit zusammengeschlossen haben, um höhere Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Ihnen kommt zupass, dass derzeit viele Airlines neue Kapitäne und Co-Piloten einstellen wollen, ihre Arbeitskraft also ein rares Gut geworden ist.



Ryanair hatte bereits im Herbst erhebliche Schwierigkeiten beim Abfliegen seines Flugplans und musste schließlich rund 20 000 Verbindungen aus Dienstplan-Gründen streichen. Die Airline widerspricht zwar der Einschätzung eines durch massenhafte Kündigungen forcierten Pilotenmangels, muss aber auf der anderen Seite auch das enorme Wachstum mit entsprechendem neuen Personal organisieren: Seit 2017 habe man mehr als 1100 neue Leute eingestellt, bis 2024 soll die Flotte auf 585 Jets angewachsen sein.

Die Airline kann es sich kaum noch leisten, als unsozialer und harter Arbeitgeber dazustehen. Man habe zur Kenntnis genommen, dass die Mehrheit der Beschäftigten von Gewerkschaften vertreten werden wolle, und man werde daher mit diesen verhandeln, verkündete das Unternehmen erst vor wenigen Wochen. Auf den wichtigen Märkten Großbritannien und Italien hat Ryanair bereits die jeweiligen Piloten-Gewerkschaften anerkannt und verhandelt mit ihnen über künftige Gehälter.

Auch in Deutschland, wo die Vereinigung Cockpit (VC) kurz vor Weihnachten den ersten Warnstreik in der Geschichte des Unternehmens organisiert hat, nähern sich die Kontrahenten an. Unter dem Druck staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen in Koblenz verabschiedet sich Ryanair hierzulande von seinem besonders umstrittenen Modell, scheinselbstständige Piloten über Personalvermittler zu beschäftigen. Die Airline bietet stattdessen direkte Anstellungen an.

Nach der Wahl einer neuen Tarifkommission für Ryanair hat die VC gerade ihren ersten Entwurf eines neuen Vergütungstarifvertrags nach Dublin geschickt. „Er orientiert sich stark an den Verträgen bei Easyjet“, sagt VC-Vorstand Jim Phillips. Gefordert werden höhere Fixgehälter, die Übernahme etlicher beruflicher Nebenkosten durch Ryanair und schließlich eine Gewinnbeteiligung, die nicht mehr unter so scharfen Voraussetzungen steht wie die bislang üblichen Produktivitätsboni. Eine erste Verhandlungsrunde zwischen der Gewerkschaft und Ryanair soll voraussichtlich im Mai laufen.

Die VC legt Wert auf eine europaweite Abstimmung mit den Kollegen, während Ryanair strikt auf die lediglich mit den nationalen Gewerkschaften abzuschließenden Verträge schaut. Mit einem jüngst gegründeten Europa-Gremium (Ryanair Transnational Pilot Group) wollen die Iren nichts zu tun haben, was bei der Gewerkschaft Sorgen um unterschiedliche Behandlungen schürt. Helfen könne hier nur ein gemeinsames Vorgehen, mahnt Phillips: „Wir legen einfach in jedem Land die gleichen Forderungen vor.“