| 20:31 Uhr

Brexit in Rheinland-Pfalz
„Ich bete für zweites Brexit-Referendum“

 Der britische Unternehmer Gary Blackburn vor seinem Haus in Kretzhaus neben einem britischen Wachsoldaten, der vor einem Centurion-Panzer steht. Blackburn hat einen deutschen Pass beantragt, um mögliche Nachteile des drohenden harten Brexits abfedern zu können.
Der britische Unternehmer Gary Blackburn vor seinem Haus in Kretzhaus neben einem britischen Wachsoldaten, der vor einem Centurion-Panzer steht. Blackburn hat einen deutschen Pass beantragt, um mögliche Nachteile des drohenden harten Brexits abfedern zu können. FOTO: dpa / Thomas Frey
Linz/Mainz. Die Querelen um den Brexit halten die Weltpolitik in Atem – und auch die Briten in Rheinland-Pfalz. Viele besorgen sich einen deutschen Pass. Sie haben Ängste. Ein Brite träumt davon, seinen geschlossenen Freizeitpark „Little Britain“ wieder zu eröffnen.

Zwei Londoner Doppeldeckerbusse, ein englischer Panzer und rot-schwarze Wachsoldaten-Statuen neben dem Haus: Gary Blackburns Anwesen im Kreis Neuwied wirkt spleenig und urbritisch. Dennoch hat der englische Chef eines Baumpflegedienstes in Kretzhaus, einem Ortsteil von Linz am Rhein, einen deutschen Pass beantragt. Damit will er nahe der Landesgrenze zu Nordrhein-Westfalen mögliche Nachteile des drohenden harten Brexits abfedern.

Genauso denken auch etliche andere Briten in Rheinland-Pfalz. Der britische Ex-Armeeoffizier und Ex-Manager Rex Stephenson (75) in Unkel im Kreis Neuwied zum Beispiel nennt seinen deutschen Pass eine „zusätzliche Versicherung“. Er befürchtet mehr Probleme beim Reisen in die Heimat, Verteuerungen in Großbritannien und schwierige Abrechnungen zwischen englischen und deutschen Krankenkassen. Der angekündigte Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU zum 29. März erschreckt auch Briten in Rheinland-Pfalz, die hier oft schon seit Jahrzehnten leben. Die Zeichen für einen harten Bruch mehren sich.

Blackburn (55) beklagt: „Der Brexit könnte eine Katastrophe für mein Unternehmen werden, das ich in 33 Jahren aufgebaut habe.“ Sein großer Baumdienst habe jährlich mehr als 1000 Termine, gut 30 000 Stammkunden und im Sommer neben den rund zehn Festangestellten 15 bis 18 Saisonkräfte aus Großbritannien. „Die englische Ausbildung von Baumpflegern hat weltweit einen sehr guten Ruf“, versichert Blackburn. „Die klettern locker 35 Meter hoch.“ Einst habe sein Baumdienst auch Gärten von ausländischen Botschaften in Bonn betreut, bis diese nach Berlin umgezogen sein.



Nach dem Brexit könnte Schluss mit der EU-Freizügigkeit für Blackburns Saisonkräfte sein. „Vielleicht muss ich meinen Betrieb dann halbieren“, befürchtet der Baumchirurg. Auch seine Technik könnte teurer werden: „Ich kaufe zum Beispiel jedes Jahr Motorsägen für 30 000 bis 40 000 Euro in England ein. Die sind dort billiger, sogar die deutsche Sägen. Mit dem gesunkenen britischen Pfund noch mehr. Da lohnt es sich hinzufahren.“ Kämen aber neue Zölle, führte das zu höheren Kosten, kilometerlangen Staus wegen der Abfertigung von Lastwagen und Chaos, befürchtet Blackburn.

Ende 2017 haben in Rheinland-Pfalz nach Angaben des Statistischen Landesamts 4185 Bürger aus Großbritannien gelebt. Das waren nur 0,9 Prozent aller Ausländer im Bundesland. Von allen 5881 Einbürgerungen im Jahr 2017 sind aber fast neun Prozent auf Briten entfallen - der Brexit hat seine Schatten vorausgeworfen.

Im September 2018 hat auch Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) die Briten in Rheinland-Pfalz zum Griff nach deutschen Pässen aufgerufen: „Die Briten sind inzwischen die Gruppe Nummer eins, was das Thema Einbürgerung betrifft.“ Sie sollten rasch die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen, weil unklar sei, wie es weitergehe. Bei einem ungeregelten Brexit hätten die Behörden es laut Dreyer schwer, die Einbürgerung danach aufzunehmen.

Auch die Stadt Kaiserslautern beispielsweise tritt an ihre britische Bürger, die sich noch nicht amtlich angemeldet haben, heran. Bei einem harten Brexit gebe es wohl eine dreimonatige Übergangsfrist, während der Briten hier weiter ohne Aufenthaltstitel leben und arbeiten könnten: „In dieser Zeit wird die Ausländerbehörde den Kontakt suchen, um gemeinsam den weiteren Aufenthalt in Deutschland zu regeln.“

Großbritannien ist einst ein Weltreich gewesen. Zahlreiche Engländer in Rheinland-Pfalz werden Doppelstaatler: Sie kümmern sich samt Einbürgerungstest um einen deutschen Pass, behalten aber ihren britischen Pass. So auch die Engländerin Elizabeth Mark (72) in Unkel: „Man muss ein bisschen den Stolz bewahren für sein Land.“ Den EU-Austritt ihrer Heimat verurteilt auch sie: „Ich bete für ein zweites Brexit-Referendum. Aber ich glaube nicht dran.“

Die Schottin Mary Brandt (81) in Worms sagt: „Alle Briten, die ich in Deutschland kenne, haben jetzt einen deutschen Pass.“ Sie vergisst nicht zu erwähnen, „dass mehr als 60 Prozent der Schotten gegen den Brexit gewesen sind“.

Der Vorsitzende des Freundschaftskreises Mainz-Watford,
Herbert Egner, sagt zu der Partnerschaft mit der englischen Stadt, sie sei in früheren Jahrzehnten aufgeblüht – und dann abgeflaut. 2010 sei offiziell das Ende gekommen mit der Ansage aus dem Rathaus von Watford, es fließe kein Geld mehr in die Partnerschaft. Auf persönlicher Ebene sei die Städtefreundschaft aber fortgesetzt worden, etwa mit dem Austausch zwischen Schulen und Chören. „Mit dem Brexit wächst in Watford wieder das Interesse an Mainz“, sagt Egner. „Es ist wichtig, dass wir Kontakte pflegen.“ Neue Vorurteile zwischen beiden Staaten müssten vermieden werden.

Ein klares Bekenntnis für die britisch-deutsche Freundschaft hat auch Baumchirurg Blackburn abgelegt: Lange hat er Tausende Wanderer auf einem Weg über sein großes Grundstück mit der skurrilen Freilichtausstellung „Little Britain“ voller witziger und kitschiger Exponate aus seiner britischen Heimat erfreut. 2018 haben die Behörden das Aus erzwungen: Blackburn besitze keine Baugenehmigung für den kleinen Freizeitpark. Nun kämpft er mit der deutschen Bürokratie und gibt sich zuversichtlich: „2020 werde ich „Little Britain“ wieder eröffnen.