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Der Niedergang der SMS

Berlin. Genauso schnell, genauso einfach - aber ohne Kosten: Nachrichtenprogramme wie "WhatsApp", "Text Me" oder "Kik" ersetzen die SMS und bedrohen ein lukratives Geschäftsfeld der Mobilfunkanbieter Von Christina Horsten (dpa) und Philip Weber (Merkur)

Berlin. Genauso schnell, genauso einfach - aber ohne Kosten: Nachrichtenprogramme wie "WhatsApp", "Text Me" oder "Kik" ersetzen die SMS und bedrohen ein lukratives Geschäftsfeld der Mobilfunkanbieter. Denn die Programme für Smartphones können längst all das, was eine SMS auch kann - und mehr: Die Beschränkung auf 160 Zeichen entfällt und das Senden ist quasi kostenlos. Bis zu 40 Prozent des SMS-Aufkommens könnten die Messenger-Dienste in den kommenden vier Jahren absorbieren, prophezeien Branchenexperten wie Roman Friedrich von der Unternehmensberatung Booz & Company.Immer neue Messenger-Programme drängen auf den Markt, die meisten kosten beim Herunterladen weniger als einen Euro oder sind sogar kostenfrei. Nutzer zahlen nur für die Daten-Übermittlung per Internet und die ist meist in Flatrate-Tarifen inbegriffen. Gerade hat das weltweit größte Online-Netzwerk Facebook seinen eigenen Messenger-Dienst gestartet. Der iPhone-Hersteller Apple hat das Nachrichtenprogramm "iMessage" seit dem Sommer sogar direkt in sein SMS-System integriert.

Die Programme funktionieren alle nach demselben Prinzip. Die Apps gleichen die Telefonnummern im Adressbuch des Smartphones mit einem globalen Adressbuch auf dem Firmenserver ab. Dort sind - aus Datenschutzsicht bedenklich - alle Nutzer der Messaging-App registriert. Untereinander können sich diese dann beliebig lange Nachrichten, Bilder, Sprachnotizen und sogar Videos zuschicken. Die Konversationen werden meist, ähnlich wie bei Chats, als Sprechblasen-Dialog dargestellt.

Auch klassische Messenger-Programme wie Skype oder ICQ bieten speziell für Smartphones programmierte Apps, mit denen sich kostenfrei Nachrichten verschicken lassen. Zudem gibt es schon seit Jahren die Möglichkeit, über diverse Webseiten SMS kostenlos via Internet zu versenden.



Noch kann die versammelte Konkurrenz der SMS offenbar wenig anhaben: 2011 sind in Deutschland nach ersten Schätzungen des Verbands der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten täglich insgesamt 116,9 Millionen Kurznachrichten über das Handy geschickt worden, fünf Prozent mehr als im Vorjahr, mehr als jemals zuvor. "Die SMS hat sich eben bewährt", sagt Telekommunikationsexperte Friedrich: "Sie ist unmittelbar, direkt und ihre Beliebtheit ist sehr groß. Ein Verschwinden der SMS muss man nicht befürchten."

Das liegt unter anderem an dem großen Nachteil der Messenger: Nicht alle Programme können Nachrichten an Messenger-Programme anderer Hersteller schicken. So funktioniert Apples iMessage beispielsweise nur mit Apple-Geräten, auf denen das Betriebssystem iOS 5 installiert ist. Und natürlich muss der Nutzer überhaupt erstmal ein Smartphone haben. In Deutschland ist nach Angaben des Branchenverbands Bitkom derzeit etwa jedes dritte neu verkaufte Handy ein Smartphone. Aber die Anzahl der genutzten Messenger-Dienste steigt. Mobilfunkanbieter müssten sich darauf einstellen: "Das klassische SMS-Geschäftsmodell wird angegriffen", sagt Friedrich.

Und das ist ein lukratives - einige Experten sprechen sogar von einer Goldgrube. Um die 20 Cent pro SMS zahlen viele deutsche Handybenutzer. Die Kosten für die Mobilfunkanbieter sind dagegen gering. Insgesamt mache das Geschäft mit den SMS in Deutschland derzeit noch rund zehn Prozent des Gesamtumsatzes der Mobilfunkanbieter aus, sagt Roman Friedrich. "Das klassische SMS-Ge-

schäftsmodell wird angegriffen."

Branchenexperte

Roman Friedrich