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Der Lkw wird zum digitalen Herdentier

MAN-Aufsichtsrat Joachim Drees, Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) und VW-Vorstand Andres Renschler (von links) vor einem selbstfahrenden LKW. Foto: Kneffel/dpa
MAN-Aufsichtsrat Joachim Drees, Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) und VW-Vorstand Andres Renschler (von links) vor einem selbstfahrenden LKW. Foto: Kneffel/dpa FOTO: Kneffel/dpa
München. Laster fahren mit nur wenigen Metern Abstand im Konvoi – gesteuert per drahtloser Vernetzung. Die neue Technik soll Sprit sparen und Unfälle vermeiden helfen. Dazu müssen aber die Gesetze geändert werden. Thomas Magenheim-Hörmann

Als Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU ) den Startschuss für den bayerischen Teil der Sternfahrt gibt, sieht es so aus, als würden sich zwei normale MAN-Lkw dicht hintereinander in Bewegung setzen. "Es ist ein Meilenstein für die digitale Mobilität", korrigiert der Politiker den flüchtigen Eindruck. Denn die beiden Laster sind Hightech-Gefährte und als solche nach Rotterdam unterwegs wie zeitgleich auch drei Daimler-Lkw und Brummis der schwedischen VW-Tochter Scania .

Zur Sternfahrt dorthin aufgerufen hat die niederländische Regierung im Rahmen ihrer EU-Ratspräsidentschaft. "European Truck Platooning Challenge" heißt die Initiative, bei der elektronisch aneinander gekoppelte Lkw eng hintereinander spritsparend und umweltschonend im Windschatten dieseln. "Platooning" bedeutet so viel wie "in Kolonne fahren".

Auf zehn Meter kommen sich die Laster dabei auf der Autobahn nahe, was nach Straßenverkehrsordnung verboten ist. Aber MAN, Daimler, Scania & Co sind mit Sondererlaubnis unterwegs und mit moderner Technik ausgerüstet. Ihre Brummis sind über ein drahtloses Netzwerk (Wlan) verbunden und folgen einander neuzeitliche Herdentiere.

Ab dem zweiten Fahrer in einer solchen Kolonne braucht es dabei eigentlich keinen Menschen mehr am Steuer. "Ein computergesteuerter Lkw reagiert weit schneller als jeder Mensch das könnte", erklärt Dobrindt, warum Platooning auch ein Sicherheitsgewinn sein soll. Das Daimler-System namens "Highway Pilot Connect" beispielsweise gibt Bremssignale binnen weniger als 0,1 Sekunden an Folgefahrzeuge weiter, während menschliche Lkw-Fahrer mit einer Reaktionszeit von 1,4 Sekunden als Könner ihres Fachs gelten.

Zugleich schafft die enge Kolonnenfahrt Platz. Die drei Daimler-Lkw mit Platooning-Technik benötigen im Verbund 80 Autobahnmeter. Das ist die Hälfte dessen, was menschlichen Fahrern erlaubt ist, vorausgesetzt sie halten sich an vorgeschriebene Mindestabstände von 50 Metern, was sie aber nicht immer tun. 90 Prozent aller Unfälle im Straßenverkehr gehen auf menschliches Versagen zurück, weiß Dobrindt. Die könne digitale Technik wie das Platooning künftig vermeiden. Technisch gesehen pflichtet ihm Andreas Renschler bei. Der von Daimler kommende Lkw-Manager ist bei Volkswagen für die neue Lkw-Holding und damit Laster der drei Konzernmarken MAN, Scania und VW zuständig. "Die gesamte Industrie verändert sich gerade in einem beispiellosen Tempo", stellt er klar. Statt "größer, stärker, weiter gehe es nun um das gesamte Ökosystem Transport", das per Internet nicht nur von Lastwagen zu Lastwagen sondern auch darüber hinaus zu den Spediteuren, Kunden und Verladeterminals an Häfen digital vernetzt ist.

Dabei hat die Brummi-Branche schon einen durchgreifenden Wandel hinter sich. Um 60 Prozent konnten Lkw-Hersteller den Spritverbrauch ihrer Laster in den vergangenen 50 Jahren senken. In der Motortechnik tun sich jetzt aber Grenzen auf. Platooning dagegen verspricht bis zu zehn Prozent Spritreduzierung.