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Konjunktur
Für den Boom wird die Luft dünner

Berlin. Die Zeiten satter Wachstumsraten sind für die deutsche Wirtschaft vorerst vorbei, prophezeien die Autoren des Herbstgutachtens. Von Stefan Vetter

Für den Wirtschaftsboom in Deutschland wird die Luft dünner. Angesichts zahlreicher konjunktureller Risiken haben die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Wachstumsprognosen für dieses und nächstes Jahr gesenkt. In ihrem gestern veröffentlichten Herbstgutachten stellen sie auch der Wohnungspolitik der Bundesregierung kein gutes Zeugnis aus.

„Der Aufschwung der deutschen Wirtschaft verliert an Fahrt“, erklärte Roland Dörn vom Essener RWI-Institut. So habe sich einerseits das Auslandsgeschäft abgeschwächt. Und zum anderen hätten Unternehmen Probleme, geeignete Arbeitskräfte zu finden. Nachfolgend die wichtigsten Kennziffern des Gutachtens im Überblick:

Wachstum: Die Experten rechnen für das laufende Jahr mit einem Wachstum von nur noch 1,7 Prozent. Das sind 0,5 Prozentpunkte weniger als noch im Frühjahr vorhergesagt. Für 2019 wird ein Plus von 1,9 Prozent erwartet. Bislang waren die Experten hier von zwei Prozent ausgegangen. Verantwortlich für die gedämpften Aussichten in diesem Jahr sind aus Sicht der Wissenschaftler in erster Linie Versäumnisse der deutschen Automobilindustrie. Weil einige Unternehmen mit der Typzulassung neuer Fahrzeuge nach den neuen EU-Abgasvorschriften nicht nachkamen, mussten Produktion und Lieferung zeitweilig gestoppt werden. Im Winterhalbjahr dürften die Umstellungsprobleme aber überwunden sein, so die Experten.



Arbeitsmarkt: Der Beschäftigungsboom ist zunehmend ausgereizt. Für dieses Jahr erwarten die Gutachter noch einen Zuwachs der Erwerbstätigen-Zahl um 590 000. Im Jahr 2019 wird sich der Zuwachs auf 420 000 abschwächen. Gleichzeitig sinkt die Arbeitslosenquote von 5,2 Prozent in diesem Jahr auf 4,8 beziehungsweise 4,5 Prozent in den beiden Folgejahren. Sowohl die Ausschöpfung einheimischer Potenziale als auch die Zuwanderung könnten jedoch „in immer geringerem Maße“ den altersbedingten Rückgang an Arbeitskräften ausgleichen, schreiben die Forscher in ihrem Gutachten.

Löhne und Gehälter: Schon wegen der Knappheit an geeigneten Arbeitskräften gehen die Ökonomen von kräftig steigenden Bruttolöhnen aus. Erwartet wird ein Zuwachs der Tarifverdienste um 2,6 in diesem Jahr und jeweils 2,7 Prozent in den beiden Jahren danach. Allerdings liegt auch die Inflation in dieser Zeit zwischen 1,8 und zwei Prozent, sodass den Beschäftigten von ihren Gehaltssprüngen effektiv wenig übrig bleibt.

Risiken: Die Konjunktur-Risiken haben sich nach Einschätzung der Ökonomen gegenüber ihrer Frühjahrsprognose weiter vergrößert. Dazu zählen wachsender Protektionismus, eine Zuspitzung des Handelskonflikts zwischen den USA und China, die Gefahr eines ungeordneten Brexit sowie steigende Ölpreise. Bereits im Frühjahr hatten die Experten gewarnt: Sollte es zu einer breiten Erhebung von Strafzöllen kommen, „so würde dies die deutsche Wirtschaft spürbar beeinträchtigen“. Vor allem die jüngste Ausdehnung der Strafzölle der USA auf nunmehr die Hälfte aller Importe aus China stelle einen weiteren gravierenden Schritt hin zu einer Eskalation des Handelsstreits dar. „Es besteht die Gefahr, dass die Hürden im Welthandel höher werden und das multilaterale Handelssystem ernsthaft beschädigen.“

Kritik: Vor dem Hintergrund der grassierenden Probleme auf dem Wohnungsmarkt haben sich die Ökonomen mit den politischen Gegenmaßnahmen der Bundesregierung beschäftigt. Dabei steht vor allem das neue Baukindergeld in der Kritik. Hier befürchten die Experten hohe Mitnahmeeffekte, auch weil die Förderung nur auf drei Jahre begrenzt ist. Daher kämen zunächst vorwiegend Projekte zum Zuge, die ohnehin schon in der Planung seien. Überdies würden „große Teile der Förderung in höheren Immobilienpreisen verpuffen“. Das Baukindergeld sei „eine sehr ineffiziente Maßnahme“, so das Fazit der Gutachter.