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Botlikes
Gekaufter Jubel für digitales Prestige

 Um Aufmerksamkeit in sozialen Netzwerken zu bekommen, greifen manche Nutzer auch in den Geldbeutel.
Um Aufmerksamkeit in sozialen Netzwerken zu bekommen, greifen manche Nutzer auch in den Geldbeutel. FOTO: Getty Images/ iStockphoto / anyaberkut
Wittenberg/Halle. Für Geld gibt es praktisch alles zu kaufen – auch virtuelle Freunde und digitalen Applaus im Internet. Von Martina Kind

Wer im Internet im Gespräch bleiben will, muss auffallen. Das erreicht man in der Regel dadurch, dass man viele andere Nutzer auf sich aufmerksam macht. Virtuelle Freunde (Follower) für mehr „Gefällt mir“-Angaben (Likes) unter den eigenen Beiträgen (Posts) – je mehr, desto besser. Den Rest erledigt der Algorithmus von Facebook, Instagram und Co. Er platziert die Beiträge von Personen mit besonders vielen virtuellen Anhängern an vorderer Stelle, sodass sie von möglichst vielen Nutzern gesehen werden. Das wiederum macht solche Nutzer attraktiv für Unternehmen, die ihre Produkte vermarkten wollen. Kann ein Nutzer über die sozialen Netzwerke viele Menschen erreichen, zahlen Firmen mitunter viel Geld, damit er für sie Werbung macht.

Um einen solchen Status zu erreichen, braucht es viel Zeit. Doch manche nehmen eine Abkürzung, denn „Freunde“ lassen sich im Internet auch kaufen. Das sollen deutsche Prominente, Politiker, Parteien, Dienstleister und Unternehmer wiederholt getan haben, wie Forscher der Uni Bochum Ende vergangenen Jahres aufgedeckt. Die Auftraggeber sollen die Magdeburger Firma Paidlikes eingeschaltet haben, um ihre Seiten in den sozialen Medien oder einzelne Beiträge gegen Bezahlung mit „Gefällt mir“-Angaben zu stärken. In der Auswertung der Forscher tauchen Politiker und Verbände aller großen Parteien auf – die CDU/CSU sowie die FDP jeweils 17 Mal, die SPD 14-Mal, die AfD elf-, die Grünen und Linken je dreimal.

Gekaufte Online-Fans sind kein neues Phänomen. Eine Anfrage wie „Follower/Likes kaufen“ bei Google genügt und schon spuckt die Suchmaschine zahlreiche Angebote aus. 100 Instagram-Likes für 4,99 Euro zum Beispiel, 1000 für 14,99 Euro oder 10 000 für 79,99 Euro. Bezahlt wird meist per Kreditkarte, Sofortüberweisung oder über den Bezahldienst Paypal.



Doch woher kommen diese Klicks? Patrick Vonderau, Medien- und Kommunikationswissenschaftler an der Universität Halle-Wittenberg, erforscht seit 2018 dieses Thema. Onlinehändler, die Likes verkaufen, würden von Großhändlern, sogenannten Panels, beliefert, erklärt er. Gehe eine größere Bestellung bei ihnen ein, werde diese direkt weitergeleitet an die Panels, die den Auftrag meist wiederum über sogenannte Bots, automatisierte Computerprogramme, ausführen.

Grundsätzlich könne jeder Internetnutzer Bots programmieren und deren Dienstleistung weiterverkaufen. Das spiegelt sich in der Qualität der Likes wider, denn von Bots gesteuerte Profile sind in der Regel leicht als solche zu enttarnen – sie haben keinerlei Bezug zu der Person, deren Beiträge sie vermeintlich mögen. Deswegen spreche man in diesen Fällen von billigen Likes, sagt Vonderau. Seinen Worten nach gibt es in Deutschland knapp 70 Händler, die solche Likes verkaufen. „Zum Großteil sind es junge Männer bis maximal 25 Jahre, die teils noch im Studium stecken und die Shops als eine schnelle Umsatzquelle sehen. Dafür sind sie auch bereit, eine rechtliche Grauzone auszuloten.“

Bisher sind keine Fälle bekannt, in denen die Anbieter strafrechtlich belangt wurden. Wohl aber die Käufer der falschen Fans. So verbot 2014 das Stuttgarter Landgericht einem Unternehmen, auf seiner Facebook-Seite mit gekauften Likes zu werben. Dabei handele es sich nach dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb um Irreführung, erklärt die Kölner Rechtsanwältin Scarlett Lüning. Denn durch die gekauften Likes, die Beliebtheit vorgaukelten, habe das Unternehmen wiederum mehr echte Kunden gewinnen können.

Weil Roboter-Fans leicht zu durchschauen sind, hat sich 2013 ein neues Modell durchgesetzt. In sogenannten Austauschnetzwerken meldeten sich echte Nutzer an, die mit ihren eigenen Profilen Klicks vergeben und dafür eine Gegenleistung bekommen. Bei der Magdeburger Firma Paidlikes handelt es sich um ein solches Austauschnetzwerk. Das Unternehmen verspricht zwischen zwei und sechs Cent pro Klick. Es ist eine stupide Arbeit, die sich aber leicht nebenbei verrichten lässt: Ein Like bei Facebook, ein Herz bei Instagram, einen Daumen hoch bei Youtube-Videos. „Besonders lukrativ ist das alles nicht“, sagt Vonderau.

Bedenklich ist, dass die sozialen Medien im großen Stil manipuliert werden, was wiederum Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung hat. „Gesetzeswidrig wird es, wenn bestimmte politische Positionen durch die Algorithmen der Plattformen gepusht werden.“ Dass dies auch tatsächlich von politischen Akteuren praktiziert wird, daran zweifelt Vonderau nicht. Auch beim US-Präsidentenwahlkampf 2016 spielten Bots eine Rolle.

Problematisch sei es auch, wenn sich jemand durch gekaufte Likes mehr Geld zuschustert, ergänzt Vonderau. So sei es mittlerweile möglich, sogenannte „Plays“ für den Musikstreamingdienst Spotfiy zu kaufen. Sprich, dafür zu sorgen, dass die Lieder eines Musikers öfter abgespielt werden, was dem Künstler letztlich mehr Bekanntheit und Geld einbringe.

Dennoch hält es Vonderau für falsch, nun einzelne Anbieter und Mitarbeiter dieses Geschäftes in die Mangel zu nehmen. Denn im globalen System spielten Händler wie Paidlikes eine untergeordnete Rolle. Nichts von alledem würde es ohne die sozialen Medien und den Internetkonzern Google geben.

Was tun die sozialen Netzwerke, um gegen die Manipulation vorzugehen? Laut eigenen Angaben arbeiten mittlerweile mehr als 35 000 Menschen bei Facebook daran, Beiträge zu überprüfen und die Sicherheit der Plattform zu verbessern. Auch versuche man mithilfe Künstlicher Intelligenz Konten, die die Plattform missbrauchten, schneller zu entlarven. Allein im 3. Quartal 2019 hat der Konzern laut eigenen Angaben 1,7 Milliarden gefälschte Profile entfernt.

Dass dieser Markt komplett verschwinden wird, daran glaubt Vonderau nicht, vielmehr werde er sich normalisieren. So gebe es inzwischen auch reguläre Marketing-Agenturen, die mit gefälschten Fans arbeiteten, nur unter anderer Bezeichnung. „Zu guter Letzt beweist das Geschäft auch, dass die sozialen Medien doch nicht so gut funktionieren. Das Überangebot an Informationen führt schließlich erst dazu, dass man meint, sich mehr Aufmerksamkeit kaufen zu müssen.“

 Nicht nur für das eigene Instagram-Profil lassen sich „Likes“ kaufen. Auch auf Facebook kann ein Account mit falschen Freunden „geschmückt“ werden.
Nicht nur für das eigene Instagram-Profil lassen sich „Likes“ kaufen. Auch auf Facebook kann ein Account mit falschen Freunden „geschmückt“ werden. FOTO: dpa / Ole Spata