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Mobile Toiletten sind Millionengeschäft
Das Geschäft mit dem Geschäft

Rund 80 Bands haben sich dieses Jahr wieder beim Musikfestival „Rock am Ring“ in Nürburg angekündigt. Die Toiletten am Rande des Festivalgeländes werden also auch diesmal wieder stark frequentiert sein.
Rund 80 Bands haben sich dieses Jahr wieder beim Musikfestival „Rock am Ring“ in Nürburg angekündigt. Die Toiletten am Rande des Festivalgeländes werden also auch diesmal wieder stark frequentiert sein. FOTO: dpa / Thomas Frey
Nürburg. „Rock am Ring“, Sportspektakel, Baustellen: Überall sind Mobiltoiletten gefragt: ein Millionengeschäft.

Ob Festival-Fans oder Rockstars – sie alle müssen einmal. Während die einen an ganz normalen Kabinen-Klos anstehen, bekommen die anderen mobile Luxusvarianten aus teurer Keramik und mit Bildschirmen. So auch jetzt wieder bei den Festivals „Rock am Ring“ in der Eifel und „Rock im Park“ in Nürnberg. Das Geschäft mit dem Geschäft ist ein Millionengeschäft - und hat in der Freiluft-Saison Hochsaison.

„Zwei Drittel des deutschen Mietmarkts mit Kabinen ist bei uns organisiert“, teilt der Sprecher des zuständigen Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE), Bernhard Schodrowski, in Berlin mit. „Damit wird ein Jahresumsatz von etwas mehr als 120 Millionen Euro erzielt.“ Mehr als 140 000 Kabinen-Klos seien das. Inklusive der nicht im BDE vertretenen Anbieter „wird es vermutlich mehr als 200 000 Kabinen in Deutschland geben“. Der Gesamtumsatz der Branche inklusive Container mit Spül-Klos und Toilettenwagen ist laut Schodrowski aber statistisch nicht erfasst.

Komfort und hygienischer Standard seien über die Jahre gestiegen, versichert der BDE-Sprecher. Die Zeiten der Bretterbuden seien vorbei. Extremes Beispiel: die Luxus-Sanitärcontainer für die Stars bei „Rock am Ring“ von Freitag bis Sonntag (1. bis 3. Juni) im VIP-Bereich am Nürburgring. Für die Bands Foo Fighters und Thirty Seconds To Mars beispielsweise sollten laut der verantwortlichen Firma Sani „teure Keramikanlagen“ zur Verfügung stehen – neben Duschabtrennungen aus Glas sowie Bildschirmen mit der Live-Übertragung des Festivals über den Waschbecken.



Für die Festivalbesucher am Nürburgring sollte es laut Sani-Abteilungsleiter Soenke Jessen rund 800 mobile Toiletten geben – plus zahlreiche Sanitärstationen mit jeweils bis zu 100 Spültoiletten und Urinalen. „Wir sind der Dienstleister, der den ersten und letzten Kontakt zum Besucher hat“, betont Jessen. „Natürlich sind die Headliner am wichtigsten – aber was bringt das, wenn die Besucher nicht richtig untergebracht sind?“ Immerhin kosteten die Tickets für „Rock am Ring“ um die 200 Euro.

Sani-Sprecher Sören Gütschow weiß: „Die Ansprüche der Kids bei Festivals sind gestiegen.“ Sie stünden lieber für eine Spültoilette im Container in einer Schlange an als in ein freies Kabinen-Plumpsklo daneben zu gehen. Ein älterer Spruch der Musikbranche lautet: „Bei Rockfestivals ist ein Klogang wie eine Bergwanderung: Nur nicht in die Tiefe schauen.“

Sani mit Sitz im schleswig-holsteinischen Borgstedt versorgt neben großen Festivals zum Beispiel auch große Sportevents sowie Schulen und Kitas im Umbau mit provisorischen Toiletten. Das Unternehmen, das nach eigener Auskunft einen Jahresumsatz von rund 25 Millionen Euro erzielt und den Gewinn nicht nennt, hat unter anderem am Nürburgring eine eigene Filiale. Immerhin kümmere es sich allein in diesem Jahr um mehr als 50 Wochenendveranstaltungen an der legendären Rennstrecke.

Medienberichten zufolge hat der US-Soldat Fred Edwards 1973 in Deutschland das erste moderne mobile Klo in Europa gebastelt – und es Dixi genannt. Zehn Jahre später kam die Konkurrenz Toi Toi auf den Markt. 1997 fusionierten beide Marken zur Adco-Unternehmensgruppe. Diese ist heute nach eigenen Angaben Weltmarktführerin für mobile Sanitärlösungen – mit Sitz in Ratingen bei Düsseldorf. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, dem Sommermärchen in Deutschland, zum Beispiel hatte Adco nach eigener Auskunft mehr als 10 000 mobile Klos im Einsatz. Viele verwenden die Bezeichnung Dixi für mobile Toiletten aller Hersteller, was zum Beispiel an Tempo-Taschentücher und Tesa-Film erinnert.

2016 verbuchte Adco laut dem Bundesanzeiger einen Umsatz von 317,8 Millionen Euro. Bereinigt um Effekte des damals neuen Bilanzrichtlinie-Umsetzungsgesetzes waren das 33,5 Millionen Euro mehr als im Vorjahr. Das Konzernergebnis verringerte sich um 2,2 Millionen Euro auf 23,8 Millionen Euro im Jahr 2016. Die Geschäftszahlen für 2017 finden sich noch nicht im Bundesanzeiger.

Es tummeln sich auch sehr viele kleine Anbieter in der Branche. In St. Sebastian bei Koblenz beispielsweise sitzt ein Unternehmen mit dem sprechenden Namen „Latrinen Willi“, mit Toilettenwagen für Veranstaltungen der Region. In Mainz war kürzlich ein kleiner Lastwagen voller mobiler Toiletten unterwegs - mit der sinnigen lateinischen Aufschrift „Pecunia non olet“ (Geld stinkt nicht).

Größter Geschäftsbereich der Branche bleiben aber Baustellen. Der deutsche Bausektor brummt, das beflügelt die Anbieter mobiler Toiletten. Ein Sondereffekt war die Flüchtlingskrise. Weil vor allem Deutschland in kurzer Zeit viele Asylbewerber unterbringen musste, sei die Nachfrage nach mobilen Toilettenhäuschen rasch gestiegen, schrieb Adco in einem früheren Lagebericht im Bundesanzeiger. Weitere Einsatzgebiete für mobile Toiletten: Militärgebiete. Auch Soldaten müssen mal.