| 23:19 Uhr

Führung in Peking macht sich Sorgen
Chinas Waffen im Handelskrieg mit den USA

Viele Produkte wie das iPhone, die aus den USA in die ganze Welt geliefert werden, wären ohne chinesische Chips nicht denkbar.
Viele Produkte wie das iPhone, die aus den USA in die ganze Welt geliefert werden, wären ohne chinesische Chips nicht denkbar. FOTO: dpa / Fernando Gutierrez-Juarez
Peking. China hat im Handelskrieg mit den USA mehr Möglichkeiten als nur Zölle. Die US-Wirtschaft ist in vielen Bereichen verwundbar. Von Robert Finn Mayer-Kuckuk

„Die USA haben den größten Handelskrieg in der Geschichte losgetreten“, wetterte am Freitag das Handelsministerium in Peking. „Wir sind nun gezwungen, die nötigen Gegenmaßnahmen einzuleiten.“ Schon vor zwei Wochen hatte China eine Liste mit Warengruppen vorgelegt, die bei Inkrafttreten amerikanischer Zölle automatisch mit Gegenzöllen belegt werden sollten.

Betroffen sind unter anderem Elektroautos und Agrarprodukte. Die USA exportieren massenhaft Sojabohnen, Obst, Weizen und Wein nach China. Die Bauern in den landwirtschaftlich geprägten Staaten fürchten bereits, zu den ersten Opfern des beginnenden Handelskriegs zu gehören.

Die amerikanischen Zölle wiederum betreffen vor allem Elektroprodukte. Denn Präsident Donald Trump will nach eigener Aussage vor allem dem Aufstieg Chinas zum Technikanbieter entgegenwirken und das Land für Ideenklau in der Vergangenheit strafen.



Das Paket könnte jedoch einen Effekt haben, den Trump nicht bedacht hat. China ist nicht nur der weltgrößte Produzent für Elektronik, sondern auch eine Drehscheibe für Zwischen- und Endfertigung. Damit sind auch die Lieferketten von Firmen betroffen, für die China nur eine Zwischenstation in einem globalen Herstellungsprozess ist. Viele davon kommen aus den USA und tragen bekannte Namen wie HP, Dell oder Apple. Da es in diesen Branchen sehr auf den Preis ankommt, können die Zölle den Firmen durchaus schaden. In den kommenden Wochen könnte sich der Charakter des Schlagabtauschs noch verändern. Denn Trump hat bereits mit neuen Belastungen auf Waren im Wert von 200 Milliarden Dollar gedroht. Hierauf kann China jedoch nicht mehr mit eigenen Zöllen reagieren: Es importiert einfach nicht genug aus Amerika.

Im Gespräch sind daher nun andere Vergeltungsmöglichkeiten. China könnte beispielsweise die Vergabe von Krediten an die US-Regierung drosseln. Denn die staatliche Devisenaufsicht des Landes kauft vor allem amerikanische Staatsanleihen, um die im Handel eingenommenen Dollar anzulegen. Auch ein Verbot amerikanischer Filme und Fernsehserien käme in Frage.

Schon jetzt zeichnet sich eine Abwertung der chinesischen Währung ab. Würde sie sich fortsetzen, wären die eigenen Waren auf dem Weltmarkt billiger. Auch eine Propagandakampagne gegen die USA wäre für Peking leicht einzuleiten – die Folge wäre dann wohl ein Boykott von US-Produkten.

Die chinesischen Politiker würden all das allerdings nur höchst ungern tun, heißt es von Beamten in Peking. Sie wollen eine Eskalation immer noch vermeiden und senden hinter den Kulissen Kompromissangebote nach Washington. Das zeigt schon die Sprache des Handelsministeriums: Es sei nun Zeit für den „notwendigen“ Gegenangriff. Die neuen Zölle seien an den US-Angriff „angepasst“, man bemühe sich um eine „angemessene“ Reaktion.

Die chinesischen Staatsmedien spielen zwar die Folgen des Konflikts herunter, doch die Führung macht sich offensichtlich Sorgen. „Die Entscheider befürchten bei Fortsetzung des Streits eine deutliche Verlangsamung des Wachstums“, sagt Ökonom Lu Ting vom Wertpapierhaus Nomura. Das zeige sich auch an der lockereren Geldpolitik und gesteigerten Konjunkturförderung in den vergangenen Wochen.

Die USA sind ihrerseits in gigantischem Maße an Einfuhren aus China gewöhnt. Das fängt beim preiswerten Stahl als Ausgangsprodukt für viele Branchen an: US-Getränkehersteller fürchten, den Preis für Dosenlimo anheben zu müssen; Anbieter von Fahrwerken kämpfen jetzt schon mit höheren Kosten – und das zieht sich durch viele Branchen.

Vor allem aber betrifft die Abhängigkeit der USA von Asien über die Mikrochips das Innenleben jedes modernen Produkts. China hat einen weltweiten Marktanteil von 60 Prozent bei Halbleitern. Die USA haben Peking kürzlich vorgemacht, wie es geht: Indem sie dem chinesischen Telekom-Ausrüster ZTE die Lieferung elektronischer Bauteile verweigerten, haben sie ihn praktisch in Konkurs gezwungen. Was, wenn China umgekehrt keine Chips mehr an die Amerikaner liefert? Ein Ölembargo wäre ein Witz dagegen. Im ganzen Land müssten Hersteller ganz unterschiedlicher Waren vom Flugzeug bis zum Herzschrittmacher die Produktion einstellen.