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Bonpflicht
Wie die Bonpflicht bei Händlern ankommt

 Seit Januar besteht die Pflicht, bei jeder Transaktion in Geschäften oder Cafés einen Beleg auszugeben. Der Gesetzgeber will damit Steuerbetrug einen Riegel vorschieben. Der Mehraufwand an Bürokratie und das Müllaufkommen sorgen bei Kunden und Händlern dennoch für Unverständnis.
Seit Januar besteht die Pflicht, bei jeder Transaktion in Geschäften oder Cafés einen Beleg auszugeben. Der Gesetzgeber will damit Steuerbetrug einen Riegel vorschieben. Der Mehraufwand an Bürokratie und das Müllaufkommen sorgen bei Kunden und Händlern dennoch für Unverständnis. FOTO: dpa / Jens Kalaene
Düsseldorf/Dresden. Händler müssen seit Beginn des Jahres auch beim Kauf von Brötchen, Bratwurst oder einer Kugel Eis Bons ausgeben. Kaum einer von ihnen hält das für eine gute Idee.

Lange Schlangen aus Papier-Bons ringeln sich in diesen Tagen aus den Kassen der Republik – beim Friseur in Düsseldorf, beim Bäcker in Dresden oder auf etlichen Fotos in sozialen Netzwerken. Kaum einer will die seit dem 1. Januar obligatorischen Kaufbelege mitnehmen. „Wenn, dann sind es die deutschen Kunden, die Bons wollen“, sagt der Inhaber der Düsseldorfer Dönerbude „Schawarma City“, der sich extra eine elektronische Kasse anschaffen musste. „Die arabischen Kunden nie.“

„Typisch Deutschland“, meinen auch zwei Bauarbeiter, die sich in einer Dresdner Bäckerei ihr Mittagessen holen. Sie schütteln mit dem Kopf, als Bäcker Klaus Barche sie fragt, ob sie den Bon mitnehmen wollen. Und so füllt sich die durchsichtige Papierbox weiter, in der Barche die ungewollten Belege sammelt. „Sinnlose Zettelwirtschaft“, lautet sein Kommentar. Wo früher eine Papierrolle in der Kasse drei bis fünf Tage reichte, wird jetzt mindestens eine pro Tag bedruckt. In den Kiosks der NRW-Landeshauptstadt gibt es auch nicht mehr Lob: „Schwachsinn“ und „Papierverschwendung“ sind die Worte, auf die man sich einigen kann.

Seit Jahresanfang müssen Händler mit elektronischen Kassensystemen ihren Kunden bei jedem Kauf unaufgefordert einen Beleg aushändigen. Die sogenannte Belegausgabepflicht ist eine von mehreren 2016 beschlossenen Maßnahmen, mit denen der Gesetzgeber Steuerbetrug einen Riegel vorschieben will. Die Belegpflicht soll gegen Steuerbetrug helfen, etwa weil das Kassensystem und die Bons miteinander abgeglichen werden könnten. Betrug mit manipulierten Kassen führe jedes Jahr zu Steuerausfällen in zweistelliger Milliardenhöhe, betont der SPD-Finanzpolitiker Lothar Binding. Für Händler, die noch keine passende Kasse besitzen, gilt eine Übergangsphase bis September.



Claudia Reichenbächer aus der gleichnamigen Dresdner Fleischerei kann die Aufregung nicht verstehen. „Wir haben eine elektronische Kasse und drucken den Bon ohnehin immer aus“, sagt Reichenbächer. Allerdings nimmt kaum ein Kunde für seine Würstchen oder das Schnitzel den Beleg mit. „Die schmeißen wir alle weg.“ Auch in einer Düsseldorfer Apotheke sind die Mülleimer voller weißer Zettel, genauso wie in wohl etlichen anderen Orten des Landes, wie auch Fotos zeigen, die zuhauf in sozialen Netzwerken geteilt werden.

Die Bonpflicht ist umstritten – aus Kostengründen, wegen eines Mehraufwands an Bürokratie und des erhöhten Müllaufkommens. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) wollte noch kurz vor Inkrafttreten Ausnahmen erreichen, die FDP fordert, der Bundestag möge das Gesetz ändern und „diesen Quatsch jetzt schnellstmöglich beenden“, wie Vize-Fraktionschef Christian Dürr sagt.

Doch das zuständige Finanzministerium hatte alle Forderungen abgeblockt, die Maßnahme sorge für mehr Steuergerechtigkeit. Die Behörde weist auf eine lange Vorlaufzeit hin und betont, dass die Quittung auch per Mail auf das Handy ausgegeben werden kann. Die SPD sieht dabei den Einzelhandel am Zug: „Die Wirtschaft ist gefragt, hierzu praxistaugliche Lösungen zu entwickeln“, sagte Finanzpolitiker Binding der Deutschen Presse-Agentur. So gebe es bereits Apps, die Belege digital übertragen könnten.

Dass die Papierflut nicht so recht in die heutige Zeit passen will, findet auch die Düsseldorfer Kiosk-Angestellte Sonay Sertel. „Für alles gibt es heute Apps – und dann auf einmal wieder so viel Papier.“ Beim Bier-Kauf im Kiosk um die Ecke scheint die Quittung aufs Handy jedoch noch abwegiger als der Bon auf Papier.

Auf einem Mittelalter-Weihnachtsmarkt in Dresden, der auch noch in den ersten Januar-Tagen seine Türen öffnet, wird die Bonpflicht bislang nicht praktiziert. Geschäftsführer Henri Bibow betont zwar, nichts gegen die Vorschrift zu haben. Aber es sei gerade an Mittelalterständen schwierig, die neumodischen Kassen so zu kaschieren, dass sie das Bild nicht stören. Ein Markthändler, der dort mehrere Stände betreibt, hält die Bonpflicht dagegen für ein „Ding der Unmöglichkeit“. Bis zu 18 000 Besucher besuchten den Markt. „Für einen Glühwein einen Bon auszuhändigen, ist unmöglich. Da brauchen wir eine Ausnahmegenehmigung.“

Ob mit Genehmigung oder ohne: Der ein oder andere Händler, der es mit der Bonpflicht nicht so genau nimmt, wird womöglich gar nicht so schnell auffallen. „Es ist nicht vorgesehen, dass Finanzbeamte jetzt losziehen und im Außendienst Einzelhändler kontrollieren“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Steuergewerkschaft, Thomas Eigenthaler, dem „Westfalen-Blatt“. Auch Bußgelder seien nicht geplant. Was kann also überhaupt passieren, wenn man als Händler doch erwischt wird? Dass das Finanzamt den Umsatz ein paar Euro höher schätzt – und bei der Steuererklärung etwas genauer hinschaut.