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Existenzangst nimmt zu
Bauern mit Erntejahr recht zufrieden

Bei Winter- und Sommergerste ist die Ernte im südlichen Rheinland-Pfalz fast abgeschlossen.
Bei Winter- und Sommergerste ist die Ernte im südlichen Rheinland-Pfalz fast abgeschlossen. FOTO: dpa / Uwe Anspach
Gimbsheim. Ungewöhnlich früh hat in diesem warmen und trockenen Sommer die Getreideernte begonnen. Die meisten Bauern in Rheinland-Pfalz sind mit dem Ergebnis zufrieden. Wachsende Sorgen bereiten ihnen aber die Marktbedingungen.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge blicken die Bauern in Rheinland-Pfalz auf das Erntejahr 2018. Für Getreide, Mais und Zuckerrüben, Obst und Gemüse seien zufriedenstellende Ergebnisse bei Mengen und Qualitäten zu erwarten, sagte der Präsident des Bauern- und Winzerverbands Rheinland-Pfalz Süd, Eberhard Hartelt, gestern in Gimbsheim im Kreis Alzey-Worms. Ähnlich äußerten sich auch Betriebe im Norden von Rheinland-Pfalz. Allerdings spricht der Verband auch von wachsendem Preisdruck und Existenznot – viele junge Landwirte machten sich Gedanken, ob sie nicht ihren Betrieb aufgeben sollten.

„Bei allen Schwierigkeiten, die wir haben, muss man zufrieden und dankbar sein, wenn man sich die katastrophalen Meldungen aus Nord und Ostdeutschland anschaut“, sagte Hartelt zur bereits teilweise eingefahrenen Getreideernte. Diese begann wegen Trockenheit und Wärme in diesem Jahr ungewöhnlich zeitig. „Wir sind drei Wochen früher dran als sonst, das hatten wir noch nie“, sagte Hartelt. Diese Erfahrung in seinem Betrieb im Donnersbergkreis werde von vielen Landwirten in der Region geteilt. Bei Winter- und Sommergerste für Viehfutter und Brauereien sei die Ernte im südlichen Rheinland-Pfalz fast abgeschlossen. Auch der Großteil des Weizens sei in Rheinhessen und der Südpfalz schon geerntet. In der Nord- und Westpfalz laufe die Weizenernte in diesen Tagen an.

Weiter im Norden wiegen sich die Halme auf den Feldern noch im Wind. In Berschweiler bei Kirn im Kreis Birkenfeld erwartet die Betriebsleiterin des Schwalbenhofs, Anna Jaschok, dass ihre Roggen-, Weizen- und Dinkelfelder etwa zwei Wochen früher als sonst geerntet werden könnten. „Sowohl von der Quantität als auch von der Qualität her, sehen unsere Bestände echt gut aus.“ In Grafschaft-Esch im Kreis Ahrweiler rechnet Landwirt Alfred Schopp ebenfalls mit einem um zwei Wochen früheren Erntebeginn. Wegen Trockenheit und hoher Temperaturen gehe er aber von eher schlechten Erträgen aus.



Die Zuckerrüben haben sich nach den Worten Hartelts gut entwickelt – hier hoffen die Bauern nun aber auf Regen. Bei Raps für Viehfutter und zur Produktion von Biodiesel sei jedoch die Ernte um ein Viertel geringer ausgefallen als sonst, fügte der Vorsitzende des Fachausschusses Pflanzenbau, Adolf Dahlem, hinzu. Grund sei die kurze Blühphase in einem ungewöhnlich warmen April und Mai.

Eine extrem frühe Ernte gab es nach Angaben des Verbands bei Kirschen und Aprikosen – das gleichzeitig auf den Markt gedrückte Obstangebot aus dem Ausland habe zu „massiven Preiskorrekturen“ geführt. Ähnlich ist die Situation bei Gemüse und Frühkartoffeln.

„Das Extreme wird zum Normalen, wir erleben scheinbar nur noch extreme Wettersituationen“, sagte Fachausschusschef Dahlem. Die Landwirte hätten gelernt, mit Wetterkapriolen umzugehen. „Aber alles, was drumherum passiert, ist so nicht mehr zu stemmen“, fügte der Landwirt aus Gundersheim im Kreis Alzey-Worms hinzu. „Wir Bauern fühlen uns zerrieben zwischen der Entwicklung der internationalen Märkte, den politischen Entscheidungen und gesellschaftlichen Anforderungen.“ Dieser Spagat sei kaum noch auszuhalten.

Verbandspräsident Hartelt forderte eine Anschlussregelung für die zum Jahresende auslaufende Möglichkeit, Saisonarbeiter aus EU-Ländern bis zu 70 Tage lang sozialversicherungsfrei zu beschäftigen. Mit Blick auf den Mindestlohn, die neue Düngemittelverordnung und Anforderungen im Naturschutz sagte Hartelt, höhere Standards müssten auch mit höheren Preisen für Lebensmittel einhergehen. „Es wird nicht so gehen, dass wir der Garant für den Billigheimer sind.“

Der rheinland-
pfälzische 
Bauern- und Winzerverbands­präsident 
Eberhard 
Hartelt.
Der rheinland- pfälzische Bauern- und Winzerverbands­präsident Eberhard Hartelt. FOTO: bwv
(dpa)