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Autoindustrie immer stärker von Spezialisten geprägt
Autoindustrie vor gewaltigen Veränderungen

 Menschen wie Nicola Augustin haben als Kfz-Mechatroniker beste Chancen in der deutschen und internationalen Autoindustrie. Auch Elektrotechniker und Software-Entwickler sind als Spezialisten immer mehr gefragt.
Menschen wie Nicola Augustin haben als Kfz-Mechatroniker beste Chancen in der deutschen und internationalen Autoindustrie. Auch Elektrotechniker und Software-Entwickler sind als Spezialisten immer mehr gefragt. FOTO: BeckerBredel / JES
Düsseldorf. Nach Überzeugung der Expertin für die Rekrutierung von Führungspersonal prägen Spezialisten und neue Berufsbilder die Branche. Von Thomas Sponticcia

Software- und Elektronikspezialisten sind künftig in der Autoindustrie am meisten gefragt. Neue Berufsbilder entstehen, Anforderungen werden immer spezieller. Gleichzeitig führt die Automatisierung zu einem geringeren Bedarf an Arbeitskräften. Davon ist die Diplomingenieurin und Automobilexpertin Birgit Henschel-Neumann im Gespräch mit dem Pfälzischen Merkur überzeugt. Sie arbeitet bei der El-Net-Group und rekrutiert im Auftrag deutscher sowie internationaler Autohersteller Führungspersonal.

Wo liegen die größten Herausforderungen für die deutsche Auto­industrie?

Birgit Henschel-Neumann: Wenn sich die batterieangetriebenen Elektroautos durchsetzen sollten, wonach es aussieht, dann stellen sich mehrere große Herausforderungen. Die Arbeitskräfte, die am Verbrennungsmotor arbeiten, müssen umgeschult werden. Gleichzeitig müssen Arbeitskräfte mit neuen Kenntnissen im Bereich der Softwaretechnologie und Elektrotechnik gewonnen werden. Die Batterietechnik muss optimiert und leistungsfähiger gemacht werden. Und der konventionelle Motor muss noch wenigstens für die kommenden zehn Jahre so optimiert werden, dass er für die Nutzer weiter attraktiv bleibt.



Was ist die größte Herausforderung für die Automobilhersteller im Digitalzeitalter?

Henschel-Neumann: Sie werden jetzt auch zum Anbieter des Innenlebens im Fahrzeug, also der Unterhaltungselektronik an Bord und der zahlreichen elektronischen Lotsendienste. Der Hersteller schaltet diese Dienste auch frei. Er kommuniziert so direkt mit dem Autokäufer, wird noch mehr zum Dienstleister. Für Start-up-Unternehmen mit interessanten Apps wird die Kooperation mit großen Automobilherstellern ein spannendes Geschäftsmodell. Allerdings leiden Autohersteller, Zulieferer und Start-ups schon heute am Fachkräftemangel.

Wie kommt die Automobilindustrie künftig zu ihren Fachkräften?

Henschel-Neumann: Vor allem in der Softwareentwicklung und der Elektrotechnik ist die Nachfrage sehr groß. Der Kampf um die besten Arbeitskräfte internationalisiert sich. Wir brauchen neben einer Ausbildungsoffensive Umschulungen vorhandener, gut ausgebildeter Arbeitskräfte. Und sicherlich auch gut ausgebildete Arbeitskräfte aus dem Ausland. Sonst können wir den Entwicklungsvorsprung in Deutschland nicht halten. Durch die Digitalisierung und zunehmende Automatisierung in der Produktion wird es einen insgesamt geringeren Bedarf an Arbeitskräften geben.

Sie selbst rekrutieren im Auftrag großer Kunden aus dem In- und Ausland hoch qualifiziertes Personal bis in die Chefetagen hinein. Wer hat heute als Bewerber die besten Chancen?

Henschel-Neumann: Im Moment Softwareentwickler, Elektrotechniker und Mechatroniker. Die sind heiß begehrt. Sie kreieren das Innenleben der Autos von morgen. Hier wird es auch die meisten Zuwächse an Arbeitsplätzen geben. Der Individualist ist auf der Führungsebene nicht mehr gefragt. Die Autoindustrie setzt auf Team- und Projektarbeit. Starke Kommunikationsfähigkeit ist heute die wichtigste Führungseigenschaft. Oben der Chef, unten die Arbeitnehmer, diese Haltung ist von gestern.

Welche Arbeitskräfte sind am schlechtesten vorbereitet?

Henschel-Neumann: In der deutschen Automobilindustrie arbeiten heute rund 812 000 Menschen, davon 250.000 in den Bereichen, die direkt an der Antriebstechnik hängen. Da diese Technik unmittelbar an den Verbrennungsmotor gekoppelt ist, sind diese Arbeitsplätze auf lange Sicht gefährdet. Hinzu kommen weitere 50.000 bis 100.000 Arbeitsplätze in der Zulieferindustrie, die in anderen Technikbereichen arbeiten, die aber auch letzlich am Verbrennungsmotor hängen. Da es sich um hoch qualifizierte Arbeitskräfte handelt, wäre für die Meisten eine Umschulung möglich und nötig. Die Umstrukturierung wird aber nicht von heute auf morgen kommen. Ich sehe auch nicht, dass 2030 nur noch Elektroautos fahren. Sie werden zunächst in den Großstädten präsent sein.

Gewaltige Veränderungen am Arbeitsmarkt sind jedoch heute schon absehbar.

Henschel-Neumann: Allerdings. Zahlreiche Bereiche und Berufsgruppen fallen nahezu komplett weg. Wenn autonomes Fahren kommt, bräuchten wir keine Fahrlehrer mehr, keine Taxifahrer, keine Tankstellen und auf absehbare Zeit auch keine Lkw-Fahrer mehr. Derzeit sind 540 000 Lkw-Fahrer auf Deutschlands Straßen unterwegs. Schon heute sind Lkw technisch in der Lage, auf Autobahnen autonom zu fahren. Auch Werkstätten werden in Folge der neuen Technologien große Umsatzeinbrüche haben, der Gebrauchtwagenmarkt ist dann ebenfalls tot.

Wie entwickelt sich künftig die Zusammenarbeit zwischen Automobilherstellern und Zulieferern?

Henschel-Neumann: Die großen Themen in der Produktion werden weiter die Autohersteller vorgeben. Allerdings rücken beide noch enger zusammen, um Neuentwicklungen schneller auf den Weg zu bringen und den Wettbewerbsvorsprung auszubauen. Viele Zulieferer arbeiten direkt im Werk des Autoherstellers. Sie stellen ihnen dort zum Beispiel Elektroniker und Mechatroniker zur Verfügung.

Hat eine Region Standortvorteile, wenn sie künftig eine besonders enge Verbindung zwischen Automobilherstellern und Forschungsinstituten anbieten kann?

Henschel-Neumann: Wenn eine Hochschule oder ein Forschungsinstitut am Standort ist, um von dort qualifiziertes Personal zu gewinnen, hat man Rekrutierungsvorteile. Allerdings haben die Forschungsinstitute nicht die Aufgabe, Entwicklungsabteilungen großer Automobilhersteller zu sein. Ihre Hauptaufgabe ist und bleibt im Wesentlichen die Grundlagenforschung. Diese Ergebnisse werden aber angewandt auch in die Entwicklungsabteilungen der Industrie übertragen.

Was muss eine Region unbedingt haben, um interessant zu sein für die Autoindustrie?

Henschel-Neumann: Die beste Bildung, eine gute Hochschule mit Innovationsthemen und optimalerweise eine Clusterbildung von Unternehmen im Umfeld der Automotiveindustrie. Das können Logistikunternehmen, Technikunternehmen oder Start-ups im Softwareentwicklungsumfeld sein. Ein weiterer Vorteil ist, wenn eine Region an der Hochschule einen so attraktiven Schwerpunkt setzt, dass sich Unternehmen ansiedeln. Ein Beleg für dieses Erfolgsrezept ist, dass neue Fachhochschulen mit Schwerpunkten gerade bundesweit wie Pilze aus dem Boden schießen.

 Autoexpertin Birgit Henschel-Neumann.
Autoexpertin Birgit Henschel-Neumann. FOTO: Elnet-Group