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Demografische Forschung
Wer nur wenig Rente erhält, stirbt früher

 Rentner, die auf jeden Euro achten müssen, sterben deutlich früher als Menschen, die einen finanziell gut abgesicherten Lebensabend haben, zeigt ein Vergleich der Max-Planck-Gesellschaft.
Rentner, die auf jeden Euro achten müssen, sterben deutlich früher als Menschen, die einen finanziell gut abgesicherten Lebensabend haben, zeigt ein Vergleich der Max-Planck-Gesellschaft. FOTO: dpa / Karl-Josef Hildenbrand
Rostock. Wie lange wir leben, das hat auch mit unserem Einkommen zu tun. Arme Rentner sterben im Schnitt fünf Jahre früher als wohlhabende. Von Peter Bylda

Statistisch gesehen können die Eltern jedes zweiten Neugeborenen heute damit rechnen, dass ihr Kind einmal 100 Jahre alt wird, berichteten Demografieforscher der Universität Rostock vor zwei Jahren. Das habe unter anderem damit zu tun, dass der Alterungsprozess heute bei vielen Menschen später einsetzt als im vergangenen Jahrhundert. Allerdings, so schieben jetzt Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung nach, gebe es deutliche soziale Unterschiede. Die statistische Lebenserwartung hänge auch mit der Frage zusammen, welches Einkommen der Nachwuchs im Erwerbsleben erzielen und mit welcher Rente er folglich in den Ruhestand gehen werde. Die Situation lässt sich mit dieser Formel zusammenfassen: „Geringere Rente = kürzeres Leben“.

Dass die Lebenserwartung auch mit der sozialen Situation zusammenhängt, ist keine neue Erkenntnis. Nach einem Bericht des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) – es ist die zentrale Einrichtung zur Gesundheitsforschung in Deutschland – ist die Wahrscheinlichkeit, die Rente nicht zu erleben, in den niedrigsten Einkommensgruppen für Frauen (13 Prozent) und Männer (27 Prozent) jeweils fast doppelt so hoch wie bei den Vertretern der höchsten Einkommensgruppen.

Diese Unterschiede haben sich in den vergangenen 25 Jahren nur wenig verändert, errechnete das RKI. Die Kluft zwischen den Lebenserwartungen der Rentner mit den höchsten und den niedrigsten Einkommen habe sich dagegen von 1997 bis 2016 beinahe verdoppelt, erklärt nun das Max-Planck-Institut für demografische Forschung. Männer, die im Jahr 1997 mit 65 Jahren in Rente gingen und zur Gruppe mit dem höchsten Alterseinkommen zählten, seien statistisch drei Lebensjahre mehr geblieben als ihren Altersgenossen mit den niedrigsten Alterseinkünften. Im Jahr 2005 sei diese Lücke bereits größer geworden. Wer in diesem Jahr in Rente ging, 65 Jahre alt war und die höchsten Alterseinkünfte hatte, konnte statistisch noch mit fast 19 weiteren Lebensjahren rechnen. Rentnern, deren Einkommen zum untersten Fünftel gehörte, erlebten ihren 80. Geburtstag in der Regel nicht mehr, erklären die Forscher der Max-Planck-Gesellschaft. Bis zum Jahr 2016 sei der Unterschied dann weiter bis auf über fünf Jahre gestiegen, berichten die Wissenschaftler Georg Wenau, Pavel Grigoriev und Vladimir Shkolnikov. Sie werteten für ihren Vergleich Daten der Deutschen Rentenversicherung aus.



„Vor allem für Menschen am unteren Ende der sozialen und wirtschaftlichen Hierarchie stieg die Lebenserwartung zuletzt deutlich langsamer“, sagt Georg Wenau. Während die Lebenserwartung in der untersten Einkommensgruppe in Westdeutschland vom Jahr 1997 bis 2016 lediglich um 1,8 Jahre zunahm, habe die oberste Gruppe fast das Doppelte hinzugewonnen. Die Zahlen im Osten unterschieden sich, doch das Verhältnis sei ähnlich. Der Zugewinn der obersten Einkommensgruppe betrage 4,7 Jahre, in der untersten Gruppe drei Jahre. Es sei der erste Vergleich dieser Art in Deutschland gewesen, erklärt das Max-Planck-Institut. Für die Berechnung der Einkommen nutzten die Sozialforscher die mit Beginn des Ruhestands erreichten Rentenpunkte und bildeten daraus fünf Einkommensgruppen.

Zum vollen Verständnis des West-Ost-Vergleichs gehöre noch eine weitere Zahl, erklären die Wissenschaftler. Im Westen der Bundesrepublik seien die Einkommensgruppen über die Jahre im Wesentlichen unverändert geblieben. Im Osten dagegen sei die einkommensschwächste Gruppe der Männer zwischen 2005 und 2016 von etwa 20 auf 36 Prozent gewachsen. Viele Neu-Rentner hätten in jener Zeit nur noch wenige Rentenpunkte sammeln können, da sie lange arbeitslos oder nur geringfügig beschäftigt gewesen seien.

Berufsgruppen, bei denen die Höhe der gesetzlichen Rente den Wohlstand nicht korrekt oder nur verzerrt wiedergibt, dazu zählten die Sozialforscher Beamte und Selbstständige, seien in der Untersuchung nicht berücksichtigt worden. In die Analysen seien schließlich nur Daten von Männern eingeflossen, weil nur relativ wenige Frauen dieser Altersgruppe in Westdeutschland im Zeitraum der Untersuchung berufstätig gewesen seien.

Die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts weisen darauf hin, dass ihre Untersuchung nicht als Beweis dafür gedeutet werden dürfe, dass eine niedrige Rente die Ursache eines frühen Todes sei. Die Zusammenhänge seien sehr viel komplizierter und sehr wahrscheinlich vor allem auf Unterschiede in der Lebensführung zurückzuführen. Das berichtet auch das Berliner Robert-Koch-Institut in seinem Journal of Health Monitoring. Es gebe „erheblich soziale Unterschiede in der Lebenserwartung“ in Deutschland, so das Berliner Institut. Menschen „mit geringem Einkommen, Berufsstatus und Bildungsniveau“ rauchten häufiger, bewegten sich seltener, hätten häufiger Übergewicht und zu hohen Blutdruck. Und das verkürze das Leben.